electricgecko

Dezember

Das Cover der Flatland-LP zeigt einen Strang glänzenden Tapes, das sich raumlos zu möbiusartigen Schleifen windet. Es ist ein überaus passendes Motiv für eine Platte, deren kinetische Energie sich ohne einen substanziellen Körper entfaltet. Auf seinem Full-Length-Debut baut T.J. Hertz (sic/alias Objekt) ein Mesh aus Drumpatterns, Klicks und Sounds, das ohne jede Fläche bleibt. Es ist ein körperloser Sound, dessen Punch mittelbar, aber um so massiver spürbar ist. Es braucht einige Sekunden, bis sich das Muster von Strays manifestiert – ein komplexer, gewichtsloser Hit, a force without a body. 11 Tracks mit wechselnden Parametern und Positionen im Raum, oder, wie die Selbstauskunft treffend beschreibt: A convoluted mess of elektrology and teknology.

November

Es ist eine andere Stadt, wenn es wieder dunkel ist, wenn der Regen zurückkehrt nach dem langen Sommer. Wenn die Tage ihre Verschalung ablegen und die grimmigen Fundamente aller Dinge wieder hart und schön zu spüren sind. Regen, Füße auf den Asphalt und eines der besten Gefühle: Dringlichkeit, a Sense of Urgency.

Rockmusik ist zurück in der Stadt, und mit ihr die Werte, die sie mich gelehrt hat. Das Zerren an der einen Stelle, der bedingungslose Drang nach vorne. Das Zersplittern. Die Freude am Unmittelbaren, an der Rohheit. Der Ekel vor den Idioten.

Die Jahre sind vergangen, und mein Zugang zu dieser Musik scheint sich inzwischen auf eine herausragende Gruppe zugleich zu beschränken. Messer sind diese Gruppe, in dieser Stadt, in diesem Wetter. Sie wäre es bereits länger, hätte ich Im Schwindel (2012) und Die Unsichtbaren (2013) nicht in den vergangenen beiden Jahren ungehört abgetan – als Veröffentlichungen eines Genres, in dem selbst die Jungen vorauseilend gehorsam konservativ sind. Sie wäre es bereits länger, hätte ich nicht erst das Konzert im Hafenklang im März besucht.

Messer sind nicht genreprägend. Sie sind bemerkenswert aufgrund der Art und Weise1 wie sie das Maneuver Punkrock vollführen. Ein großer Teil der Qualität der Gruppe Messer liegt darin, ihre überbordende Intensität ihrer Disziplin und Exaktheit zu unterwerfen – und im Verlauf von Songs und Alben genau daran zu scheitern. Hooklines und Bridges reißen sich frei, bevor die Gruppe sie scheinbar nur mühsam wieder in das Korsett des Songs zwingt2. Es sind Hits für einige Sekunden, Popmusik und keine Angst. Ein Moment grimmigen Triumphs im Licht der Straßenbeleuchtung, dann weiter in die Dunkelheit, entlang des Asphalts, der Regen.

Intensität, Disziplin, Klugheit. Messer wären eine geringere Band ohne ihre eigene Sprache. Hendrik Otremba schreibt Parolen, es sind Bildfolgen in kohärenten Settings, direkt, repetitiv und reduziert. Verben sind selten in diesen Vignetten. Messer bewegen und handeln nicht, sie beschreiben die Momente und Orte eines Lebens, seine Farben, eine Perspektive: Die Stadt im Sommer, die Stadt im Regen. Wasser auf Asphalt, der Geruch von Nebel/Ein Streuner auf der Straße, durstig, müde, schwach.

Ich habe die beiden Messer-LPs viele Monate dieses Jahres gehört. Doch es bleibt Musik für das Dunkle, für den Regen und für die grimmige Freude and der Unnachgiebigkeit der Welt, it came into its own, im November. Für das Heimkehren ins Helle, für den Ausbruch und das eigensinnige Schöne.

Intensität, Disziplin, Klugheit.


  1. Wiederum: how not what↩︎

  2. Cases in Point: Die letzte Minute von Die kapieren nicht, die letzten 30 Sekunden von Staub↩︎

Mai

Es gibt einen Grundsatz für die Animation von Special Effects: große Dinge bewegen sich langsam. Je größer ein Raumschiff, desto langsamer sind seine Maneuver. Je massiver die Explosion, desto zeitlupenartiger bersten die Einzelteile des vergehenden Planeten durch das All. Langsamkeit ist in der Lage, Gewicht und Dichte zu suggerieren – das gilt für visuelle CGI wie für Musik (c.f. Andy Stott).

Es ist diese massive Langsamkeit von Psychic, die der Debut-Platte des Duos Jaar/Harrington ihre Gravitas verleiht. Sie findet ihren Ausdruck in der Anwendung des unaufhaltsamen, sequentiellen Vorwärts des Krautrock auf ein technisiertes Hier Und Jetzt. Psychic ist ein Album voller programmierter Grooves, so langsam und nachdrücklich als bewege sich Leviathan in karibischem Wasser um die eigene Achse. Wir betrachten versonnen Spiegelungen der Sonne auf den Wellen, und massive Wärme sinkt vom ultramarinen Himmel.

Psychedelia, Krautrock, kurz vor Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Nach vorn, nach oben.

Psychic trifft seinen ästhetischen Moment: das Ende der Fiktion der Moderne, die Auflösung ihrer schlanken Eleganz in Breite und Nachdruck im Heck des Maserati Merak (1972). Filz und Pelz und die Revers von Joseph Beuys (1974) in der Kollektion für Herbst und Winter 2014 von Siki Im. Die Ablehnung der Ökonomie, die nachlässige Breite dieser Referenzen erscheint im Jahr 2014 wieder sinnvoll und passend. 1974 ist das zu samplende Jahr, und Nicolas Jaar wusste das früher und besser als wir.

Psychic könnte nicht treffender betitelt sein, sein Artwork nicht richtiger, seine Wucht und sein Tempo nicht zeitgemäßer. Es ist eine Platte für den dunklen Sommer: Sleazy, breit, schwer. Und da es sich um Krautrock handelt, findet sie erst mit dem letzten Track zu ihrem Höhepunkt. METATRON ist ein maximal volles und präzises Stück. Musik von derart zeitlupenartiger Wucht, dass ihr Titel nur in Versalien korrekt buchstabiert erscheint.

Psychic ist ästhetischer Zeitgeist, formuliert als Popmusik, Hits, interessant und neu. Ich halte dieses Album für eines der besten der letzten Jahre.

Februar

Die Missverständnisse der groben Bauweise: sie sei lebensfeindlich, unproportioniert und abstoßend. Ihren Oberflächen fehle es an Finish, zu Industriell und funktional, als dass hier jemand Freude empfinden könnte. Brutalismus hat einen schlechten Ruf. Seine Bemühungen um Schönheit, einfache Antworten und die Eleganz der Linie machen seinen Kern aus, sie sind konsequent auf die Struktur des Entwurfs gerichtet, nicht auf dessen nachträgliche Verkleidung.

In diesem Sinne hätten Rainer Veil den Titel für ihr zweites1 Release – New Brutalism – nicht treffender wählen können. Denn ihr ästhetischer Entwurf ist konzentrierte Struktur, im Mikro (in den Tracks) wie im Makro (in der Dramturgie der Platte). Auch hier: Grobe Bauweise. Rainer Veil schichten und konfrontieren Parts auf modulhafte Weise, gleichermaßen in sich geschlossen und auf die folgenden Formen verweisend.

Dabei bleibt die Arbeit von Liam Morley und Dan Valentine in allen fünf Tracks einem atmosphärischen Gebiet verbunden, und damit angeschlossen an das große Thema des vergangenen Jahres. Es ist die überproportionale Tiefe des Raumes, die Monumentalität der Fläche, in der die disparaten Vorschläge dieser EP ihr Fundament finden. Das gilt für den sonnenwarmen Beton in Strangers wie für das straighte Amen Break in Three Day Jag, dem ebenso spartanisch2 wie hyperpräzise konstruierten Hit der Platte. Run Out erlaubt schließlich den Weg zurück durch die zuvor passierten Strukturen und gibt den weiten Blick frei – ein Foyer, gewissermaßen.

Fokus, die Abwesenheit jeglicher Ornamentierung, der nicht nachgebende Wille zu struktureller Schönheit. New Brutalism indeed.


  1. Release eins, die deutlich humanistischer geratene Struck EP, ist ebenfalls unbedingt zu empfehlen. ↩︎

  2. Ich wähle dieses Wort als unzulänglichen Ersatz für den sehr viel treffenderen englischen Begriff austere↩︎

Dezember

Es scheint, als sei es immer wieder so: Die Sonne am letzten Tag des Jahres, die durch die Fenster eines Appartments in Berlin scheint. Keine Bewegung in der Luft, als setzte sich die große Ruhe der vergangenen Tage von innen nach außen fort. Auch heute. Der Unterschied liegt nicht im hier und jetzt, sondern im vergehenden Jahr. Nicht um dem Schluss des vorigen Jahres zu widersprechen, sondern weil es so ist: Dinge verändern sich nicht nur inkrementell, sondern plötzlich und zum Schlechten. Die große Aufgabe besteht darin, sie nicht an gewonnene Perspektiven heranzulassen, egal wie erfolglos es für lange Zeit scheinen mag.

Das also war der große Versuch im dreißigsten Jahr, in dem ich einige der schrecklichsten und einige der schönsten Dinge meines Lebens gesehen habe. Das Heraustreten in die Sonne am Chichū-Museum, Klang und Bild von Rei Natos Matrix im schönsten Raum der Welt, über der Stadt und durch sie hindurch. Schönheit in Textur und Habitus, Exzess in Raum und Material. If you can’t leave your mark, give up (Holzer). No, not yet.

Aus egozentristischer Chronistenpflicht: Musikprotokoll 2013.

Winter

  • Einstürzende Neubauten – Die Befindlichkeit des Landes
  • The Please – Abodigital Dishwasher
  • Nosaj Thing – Glue
  • Dauwd – Heat Division
  • Jack Dixon – Lose Myself (Dauwd Remix)
  • TM404 – 303/303/303/303/808
  • Koto – Endgame
  • Kangding Ray – North
  • Lawrence – Tangled Track
  • Einstürzende Neubauten – Alles
  • Miles – Flawed
  • Silent Servant – Utopian Disaster

Frühling

  • ΔΔ – Skyway
  • WAX – 10001 (A)
  • Studio – Out There
  • Alva Noto – Uni Dia
  • Alva Noto – T3 (for Dieter Rams)
  • MF Doom – Bookfiend (Clams Casino Version)
  • Efdemin – Farnsworth House
  • Kareem – Porto Ronco
  • Huren – Tendril
  • Nagamatzu – Magic
  • Kareem – Trenches
  • Heathered Pearls – Beach Shelter (Loscil’s Grind Remix)
  • Makeup and Vanity Set – System Override

Sommer

  • Miles – Plutocracy
  • Demdike Stare – Dyslogy
  • Autechre – Basscadet (Basscadubmx)
  • Susumu Yokota – Saku
  • Photek – ni ten ichi ryu
  • Gohan – Dysphoria
  • Emptyset – Epysteme
  • Mokira – Time Track (Silent Servant Remix)
  • The Black Dog – Terminal EMA
  • John Roberts – Braids
  • Shigeto – Miss U
  • Zomby – It’s Time
  • Shed – ITHAW
  • Vril – UV

Herbst

  • Teho Teardo & Blixa Bargeld – Still Smiling
  • Mobb Deep – Give up the Goods
  • Makeup and Vanity Set – A glowing Light, a Promise
  • The Black Dog – Beep
  • Dadub – Circle
  • Die Goldenen Zitronen – Scheinwerfer und Lautsprecher
  • Inhalt – Programming
  • Holy Other – Yr Love
  • Nick Höppner – Red Hook Soil
  • Teho Teardo & Blixa Bargeld – Nocturnalie
  • Dadub – Truth
  • Zomby – Dreams of Heaven
  • Claro Intelecto – Fighting The Blind Man

Winter

  • Scott Walker – Bouncer See Bouncer
  • Black Devil Disco Club – Sun Dance Totem
  • Lootpack – Innersoul
  • Flume & Chet Faker – Drop the Game
  • Prurient – You Show Great Spirit
  • New Order – Thieves like us
  • Vril – Vortekz
  • Kareem – Drama
  • Huss & Hodn – Schlangen sind schweigsam
  • Aphex Twin – Pulsewidth
  • Kangding Ray – Amber Decay
  • David Bowie – Modern Love
  • The Traveller – BER
  • Sten – Part Three

Auch in diesem Jahr fehlen der Spotify-Playlist dieser Tracks die interessantesten Inhalte.

Sets

Veränderung wahrnehmen bedeutet Zeit zusammenpressen. Mehrere Ereignisse als miteinander verbunden interpretieren und sie auf eine Zeitachse abtragen, ein neues Ordnungskriterium einführen, taggen. Bevor das Hirn Ereignisse auf diese Weise verbindet, gibt es einen interessanten Moment, in dem zwar ihre Position in der Raumzeit klar markiert, aber das Tragwerk ihres Zusammenhangs nicht konstruiert ist. Es mag mit diesem Gedanken zu tun haben, dass meine Platten des Jahres zu großen Teilen mit Verortung und der präzisen Gestaltung eines Settings befasst sind. Es sind Alben, deren inhaltlicher Einfachheit ein überbordendes Materiallager an Kontext gegenüber steht: Fiktive Orte, Stimmungen, tastende semantische Anordnungen, provisorische ästhetische Vorschläge.

Auf diese Weise haben mich diese fünf Platten begleitet, auf den Reisen und Transformationen des Jahres. Poetry is how you fight it (Claude Draude), I guess.

  • Blixa Bargeld & Teho Tadao – Still Smiling

    Ein zweites Album, auf dem Blixa Bargeld nicht als Spiritus Rektor, sondern als Verwerter von musikalischen Vorschlägen auftritt. Nach elektronischen Stimmexerzizien mit Carsten Nicolai (als anbb), nimmt er nun die Angebote des Theatermusikers Teho Tadao auf inhaltlicher Ebene an. Das Ergebnis ist eine Suche nach Worten, so vielgestaltig und verweisreich, dass sie ab der Mitte des Jahres eine Vielfalt von Kontexten auskleidete. Es fällt mir schwer, die Wege durch die Nächte dieses Jahres ohne die schwebende Universalität von Nocturnalie vorzustellen. Schließlich war der Auftritt von Blixa Bargeld im Kampnagel einer der versöhnenden Momente im Jahr 2013. Klugheit und Schönheit existieren, und es hat Wert, für sie einzutreten.

  • The Black Dog – Music for Real Airports

    Eigentlich müsste ich an dieser Stelle Radio Scarecrow gleichberechtigt nennen. Denn es ist der grundsätzliche musikalische Entwurf von The Black Dog, der die Erwähnung in dieser Liste notwendig macht. Doch wie beschrieben – in erster Linie war es der Moment der Reise, mit allen Leerstellen und Brüchen, den The Black Dog auf so vollkommene Weise formuliert haben. Case in Point: Das Geräusch des analogen Besetztzeichens, aus dem sich der Beat von Sleep Deprivation 1 schält – oder ist es ein Irrtum, nach der fünften Stunde in der Abflughalle oder einem vergleichbaren nicht-Ort des Reisens?

  • Kangding Ray – The Pentaki Slopes

    Schließlich lautet das Genre des Jahres 2013: Techno. Unverstellt, mit größtmöglicher Aufmerksamkeit für Atmosphäre, Stimmung, Licht und, ja, Ort. Zusammengenommen ergeben diese Dinge im besten Fall einen konsequenten Narrativ, der parallel zum eigenen Erleben verläuft. Auf keine Veröffentlichung dieses Jahres treffen diese Gedanken mehr zu als auf diese EP von Kangding Ray. Geteilt in Aufstieg, Plateau und Abstieg entwickelt sie ein unnachgiebiges Momentum. Wohl auch wegen dieser kinetischen Energie ist diese eine meiner liebsten Platten für lange Zugfahrten und Fußwege durch die windige Stadt im Norden. Ich fand im März bereits bessere Worte.

  • Miles – Unsecured

    Unsecured, das ist zunächst einmal die EP, auf der Miles einen Track namens Plutocracy veröffentlicht hat – und allein dafür muss sie Teil dieser Aufzählung sein. Die Langsamkeit und Tiefe, der ungeheure Nachdruck, die vollkommene Konsequenz dieses Tracks war einer meiner eindrücklichsten Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Kunst in diesem Jahr. Hi-hat, Baseline und der pechschwarze Rauch hintergründiger Atmosphäre erzeugen ein derart dichtes Bild, dass ein tiefes Gerüst verbauter Breakbeats beinahe unbemerkt bleibt. Ich nenne Plutocracy jederzeit als eines der besten Stücke Musik der letzten Jahre, und das jenseits aller Genres. Die Tatsache, dass Blatant Statement, Technocracy und vor allem Infinite Jest jeweils genau zutreffend betitelt und ebenfalls unglaublich gut sind, separiert diese Platte nur noch weiter vom Umfeld ihres Genres.

  • Kareem – Porto Ronco

    Ich habe keine Worte für diese Platte. Seit sie mir im Januar dieses Jahres in die Hände fiel, habe ich damit gerungen, sie einzuordnen, Bezeichnungen für meine eigene Resonanz auf diese Musik zu finden. Ohne Erfolg; Porto Ronco ist ein singuläres Release. Ein Track, 44 Minuten und 44 Sekunden lang. Eine Bewegung durch alles hindurch: Architekturen, entlang von Orten und Ereignissen, durch Geräte, Gewerke, Drones, Flimmern, statische Spannung, rekursive Strukturen. Dabei ist Porto Ronco gleichermaßen bedeutungsoffen und hyperpräzise, voller Verweise, ohne jeden Anschluss. Ich habe seit zwölf Monaten nicht damit aufgehört, diesen Track zu hören. Und ich bin sicher, dass dieser Zustand für eine lange Zeit anhalten wird. Dieses ist meine Platte des Jahres, und sie ist die Platte dieser Zeit und dieser Orte1.

Weiterhin relevant: Dadub – You are Eternity2, The Black Dog – Radio Scarecrow, Makeup and Vanity Set – 88:88, Kareem – Mesmer, Zomby – With Love, Demdike Stare – Test Pressing 003, Shigeto – No better Time than now, TM404 – TM404


  1. Es sollte mehr als eine Fußnote sein, dass Kareems Label Zhark viele der essentiellen Tracks dieses Jahres veröffentlicht hat – und zwar in den meisten Fällen bereits Mitte der neunziger Jahre. Ich sollte die Hip-Hop-Produktionen Kareems erwähnen und noch so viele Dinge aus einem frühen Zustand des Berliner Kosmos mehr. ↩︎

  2. Hätte ich etwas weniger Freude an sinnloser Konsequenz – diese Platte hätte die sechste meiner Liste sein müssen. Bei Discogs↩︎

Kunstfertigkeit, gutes Material, Nuancen: langweilig. Interessant ist der ästhetische Vorschlag. Bring ihn, und bring ihn so roh und groß und konsequent wie du kannst. Repeat, repeat, release.

Musik als Zustandsbeschreibung, wieder und wieder, auch zum Ende des Jahres 2013. Weil zum Lesen keine Ruhe bleibt, weil zum Aufschreiben keine Zeit bleibt. Um so schöner, sich inzwischen seit Jahren darauf verlassen zu können, das jeweils aktuelle Jahr (wer zählt noch einzelne Jahre?) ab Mitte Dezember als vorzügliches Musikjahr zu empfinden. Es bedeutet formale Passung, oder die Sensibilität, diese nach wie vor herstellen zu können.

Case in Point: Prurients EP Through The Window, deren Titeltrack und die B-Seite You Show Great Spirit zwei Beispiele für diesen langen und langsamen Narrativtechno sind, den dieses Jahr erfordert. In je über zehn Minuten verfaltet Dominick Fernow Lage über Lage dichter Atmosphäre. Themen, Vocals und Sounds erscheinen und verschwinden im Dub, verhallen im lichtlosen Grundrauschen. Phasenweise befreit sich die vier aus den Flächen und Filtern, sie vertreibt den Nebel, ihre Kraft und das schiere Momentum unwiderstehlich. So zu erleben nach dem Drittel von You Show Great Spirit.

Es ist keine monumentale Veröffentlichung, nicht die Begründung einer Stilrichtung, noch keine Wende. Aber Through The Window ist ein Release, das nicht besser in den verhalten beginnenden Winter 2013 passen könnte. In seine Zugfahrten, die Fußwege in der Dunkelheit und die Durchhalteparolen an Hamburgs Wänden.

Oktober

Ich habe häufig von meiner Reise nach Japan erzählt, in den letzten Wochen. Mal kurz zwischen zwei Getränken und auch in rekursiver long form, die Selektivität und Gemachtheit der eigenen Erfahrungen ins Licht rückt. Aufgefordert, meinen Eindruck des japanischen Zustandes auf eine Pointe hin zu besprechen, sage ich: Alles sei considered. Also Plan- und absichtsvoll erdacht und anschließend ebenso umgesetzt – Bars, Dienstleistungen, Sitzgelegenheiten, Clubs, Kleidung, Rückzugsorte, Nahrungsmittel. Diese und viele andere Dinge sehen fantastisch aus und funktionieren exakt wie sie sollen.

Gemeinhin trinken die Zuhörer dann von ihrer Limonade. Ob das nicht furchtbar rigide sei, also nicht auf natürliche Weise gut, aus der freien, kreativen Natur der Menschen heraus? Sondern das Produkt reißbrettartiger Kreativität, also unlocker und damit klaustrophobisch ihre eigene Schönheit verneinend? Absichtsvolle Schönheit hat einen schlechten Ruf.1

Nein, absichtvolle Gestaltung und präzise Exekution sind keine Makel. Das gilt für die Schönheit tokyoter Stadtplanung, es gilt für grafische Gestaltung, für die Einrichtung von Bars und es gilt – wie immer alles – auch für Musik. Ich habe den Punkt überschritten, an dem ich gutes Sounddesign gutem Songwriting vorziehe. Relevante Musik muss Raum und Licht und Zeit definieren, und zwar ultrapräzise unterscheidbar. Situationen sind interessanter als Geschichten.

Folgerichtig bestimmen zwei ältere Alben von The Black Dog mein Reisen, Leben und Arbeiten in der zweiten Hälfte des Jahres 2013. Music for Real Airports auf meiner Reise gen Osten und durch die Wartehallen von Dubai und Narita. Und Radio Scarecrow, das Magnum Opus der Produzenten-Boyband. Beide Platten markieren Wegpunkte zwischen Musik und vertonten Situationen, Präzise Syntax/diffuse Semantik.

Radio Scarecrow ist ein Musik-Album, auf dem die Hits orthogonal zu den Tracks verlaufen. Beim Skippen sind sie plötzlich unauffindbar; sie offenbaren sie sich nur als Teil der gesamten Arbeit. Einer der besten Parts der Platte verläuft irgendwo zwischen Short Wave Lies und Siiiipher (und von dort weiter zu Digital Poacher), ohne dass es beim Anspielen der einzelnen Tracks nachvollziehbar wäre. Nichts funktioniert ohne seine Umgebung.

Auf Music for Real Airports widmen sich The Black Dog schließlich vollends der Muzak, wie vom Titel impliziert. Es ist die Vertonung der Reisesituation, das Sound-Äquivalent zu Alain de Bottons The Art of Travel. Die LP wird bestimmt durch eine strukturierte Indexierung und Bearbeitung von Situationen. Es sind die Augenblicke und Nicht-Orte des Reisens, und zwar jeweils samt der ihnen eigenen Paranoia. Die fiesen Vibes des Unterwegs-seins werden nicht ausgeblendet, sondern effektvoll eingesetzt. Es handelt sich um zudringliches, ganz und gar diesseitiges Sounddesign – ein freundschaftlicher Stoß in die Rippen von Brian Enos fabelhaftem Nullkontaktutopia.

Radio Scarecrow und Music for Real Airports verweigern die Ausformulierung, das endgültige Aussprechen im Einzelnen zugunsten der Atmosphäre, der Verortung, der präzisen Gestaltung eines Settings. Sie sind Alben der Post-Album-Ära. Sie sind Orte, sie sind Zeiten, sie sind Erlebnisse.


  1. Nein, ich kann keinen Makel daran erkennen. Qualität ist wichtiger als Spontaneität. In der Kritik an wahrnehmbarer Gestaltetheit schwingt allzu häufig die bürgerliche Furcht vor Schönheit und Klasse mit; die Angst, ein zu schönes Café oder ein zu anspruchsvolles Geschäft zu betreten. Wird darauf hingewiesen, liegt eine Diskussion des leidigen Begriffs der Authentizität nicht fern. Und die ist ein probater Weg, sich gegenseitig den Abend zu ruinieren. ↩︎

Juni

Ein Text über die letzten beiden Releases auf Modern Love. Es mag das Alter sein, nachlassende Rezeptionsfähigkeit oder beginnende Ignoranz. Ich bin nicht mehr länger nur unwillens, sondern nicht in der Lage, mich mit der Musik auseinanderzusetzen, die größte Aufmerksamkeit und wirtschaftlichen Erfolg genießt. Sie ist mir zu hart, ihre Agressivität und Produziertheit überfordern mich. Sie verlangen strukturell wie inhaltlich nach spezifischen Reaktionen. Klanggestaltung und Performance dienen als Cues für den Abruf dieser – in spezifischer Abfolge und Wiederholung. Diese inhaltliche Rigidität und Härte macht mich fertig, innerhalb weniger Sekunden.

Dagegen: Musik, die sich auf den Raum bezieht. Nicht im im Sinne einer Zuordnung, sondern im Sinne eines Entwurfs. Plutocracy, die zweite B-Seite des neuesten Miles-Releases, ist ein solcher Track. Er markiert seine eigene Ausdehnung in der Welt auf klare, eindrückliche Art, er beschreibt den Rahmen seiner eigenen Performance. Plutocracy ist vermutlich das, was gemeinhin als harte Musik aufgefasst wird, doch alle Rigidität und Härte liegen im Sound, sie sind notwendig zur präzisen Vermessung der Oberfläche. Im Inneren ist Raum für Ambiquität, Deutungsoffenheit. Von Musik wie dieser geht große Ruhe aus, ihre Brachialität und Langsamkeit lässt Luftholen zu, und Ablehnung und Überlegtheit.

Dagegen: Musik, die sich auf Momentum bezieht. Dyslogy, ein Track, der Demdike Stare eindeutiger auf den Floor orientiert als sämtliche Releases zuvor. Dyslogy ist ein immersives Erlebnis – gebaut aus perkussiven Spuren, verwoben und geschichtet auf einem Jungle-Gerüst, allein das Wort schon. Wäre der Sound der Toms nicht so haargenau richtig und würden sie nicht erst bei 4:01 einsetzen – es wäre alles vergebens. Auch dieser Track wäre ohne seine Konzentriertheit und Rigidität weniger bedeutsam. Er schafft ein Momentum, physischen Vortrieb für jede Assoziation und jede Frage. Auch dieser Track fordert keine Reaktion zu keinem Zeitpunkt.

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