http://electricgecko.de/ Version VI 6.6 2004 — 2017
Persönliche Website von Malte Müller. Grafik/Code,
Free Agent. W.A.F. Operations.

electricgecko

Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

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M A R K

http://electricgecko.de/2016/mark

Ich hege eine ausgeprägte Zuneigung für die Kombination aus Demut und Anmaßung. Sich den Dingen ohne Angst vor dem Scheitern zu nähern, wider besseren Wissens vorauszusetzen, die eigene Art und Weise zu handeln sei valide. Ein bisschen entspricht diese Haltung dem Konzept von 初心, also der Offenheit für Fehler und dem Ebnen eines eigenen Weges, so mangelhaft und erfolglos er von außen erscheinen mag. Es ist eine Strategie, die Handlungsfähigkeit herstellt. Das ist keine leichte Aufgabe unter den Bedingungen dieser Tage.

Dieses Konzept ist nicht neu und tritt immer wieder dann zu Tage, wenn neue Werkzeuge zur Verfügung stehen, die für einen Augenblick lang außerhalb reglementierter Räume ausprobiert werden. Software hatte diesen Moment, und ich bin alt genug, um mich daran zu erinnern. Computerprogramme waren etwas privates, selber herzustellendes.

Das ist lange her. Aber ich bin überzeugt, dass es seinen Teil zum eingangs Gesagten beigetragen hat. Die Tatsache, dass diese Website weiterhin existiert, mag eine Ausprägung meines Wunsches nach eigensinnigen Lösungen sein01. Letztlich verdanke ich es Devine Lu Linvega02, diesen Gedanken in diesem Jahr ein wenig in die Tat umgesetzt zu haben: Ich habe mir meine eigene Software zum speichern, sortieren und archivieren guter Bilder geschrieben.

Das Programm heißt M A R K. Es besteht aus einigen Front- und Backend-Komponenten in PHP und JavaScript, die sich auf den gängigen virtuellen Hosts installieren lassen. M A R K entspricht Kriterien, die ich in dieser Kombination in keiner existierenden Lösung gefunden habe:

  • M A R K stellt einen chronologischen Stream aller Inhalte dar – und damit ihre Ähnlichkeiten, Unterschiede und die Entwicklung meiner ästhetischen Vorlieben. Thematische Ordner gibt es zusätzlich.
  • Bilder werden nicht in einer Datenbank gespeichert, sondern in sinnvoll benannten Ordnern im Dateisystem des Servers organisiert. Die Benennung der Dateien ist chronologisch. Auf diese Weise bleiben Ordner unabhängig vom Programm und behalten ihre Ordnung – auch außerhalb von M A R K.
  • Die Größe der Bilder lässt sich über die Tasten + und – anpassen. Das ist entscheidend, um M A R K gleichermaßen als Moodboard wie als Bilderpool verwenden zu können.
  • Bilder lassen sich über ein Bookmarklet und durch Drag & Drop hinzufügen.

Eine ausführlichere Darstellung meiner Überlegungen habe ich in der Readme aufgeschrieben.

Es hat mir in diesem Jahr große Freude bereitet, an M A R K zu arbeiten und das Programm zu verwenden. Es entspricht meinen Vorlieben und Interessen. Es ist fehlerbehaftet und stets in Arbeit. Es ist diese Kombination, aus der ich viel gelernt habe. Adaptability, decentralisation, resilience, fun: D.I.Y. ist eine zeitgemäße Strategie.

  1. Oder, wie Ktinka in ihrem Aufruf zu #gobacktoblogging in diesem Jahr so treffend schrieb: the reach of your blog will be way smaller. However to a great extend it will be yours.↩︎
  2. Devine ist vermutlich die Person, die den Weg der eigenen Lösung konsequent und am schönsten geht. Sein Universum an Darstellungsformen, Gestaltung und Programmen ist inspirierend wie wenig anderes. Case in point im Kontext dieses Textes: Ronin, eine idiosynkratische Bildbearbeitungssoftware, die notwendig wurde nachdem eines von Devines Notebooks auf hoher See kaputt ging. True Story.↩︎
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Psychological Bar Reviews (3)

http://electricgecko.de/2016/mainheim

Two young women share the communal bar along the renovated window front. They alternate between forking salmon omelettes and fiddling with their phones, plastic charms affixed with adhesive tape making faint tingling noises.

The mix and mingle of north american accents of diverse heritage creates a vague cantina vibe that is rarely experienced in this country. Adidas sneakers are de rigueur, as this venue is firmly in the hands of creative teams that spend their weekdays moving styluses over glass surfaces in the open-plan offices of Herzobase.

One wonders how this place avoids feeling like an enclave. It may be the diversity of transat lives, relationships at distance, torn and mended by frequent long-haul flights and haunted by memories of the nonplaces they play out in. Telling from conversations, most patrons seem to share the fragile and geographically distributed psychology of humans turned professional at a young age.

At a nearby table, three teenage boys from Gostenhof drink herbal tea and pre-roll cigarettes, their sneakers selected from the more democratic ranges Adidas offers to their high-street retailers.

One of the women seated along the window has finished her salmon. She gesticulates downwards, pointing out a current selection from her employer’s pricier offerings: This particular pair has been semi-winterized, purportedly. This seems to make them sufficiently fit to tread the wet, forlorn cobblestones of south german towns as well as the grey-carpeted corporate corridors they originated in.

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Heimat

http://electricgecko.de/2016/heimat

Ich habe Eloise vor einigen Jahren in San Francisco kennen gelernt. Gemeinsam versuchten wir erfolglos, aber auf überaus unterhaltsame Weise einen Gig von Demdike Stare zu besuchen. Seitdem verfolge und schätze ich Eloises Arbeit als Designerin und Illustratorin. Manchmal sehen wir uns in Berlin.

Vor einigen Tagen hat sie ein Foto veröffentlicht, das sie dabei zeigt, wie sie ein Netz mit schwarzem Filzstift auf ihre Hände zeichnet. Der Post ist ihre Reaktion auf den Brand im Ghost Ship während einer 100% Silk-Party, bei dem 36 Menschen ihr Leben verloren haben. Ihr begleitender Text formulierten ihren Schmerz über diesen Verlust. Er ist eine konzentrierte Formulierung der Strategie, die Menschen unserer Generation und unseres Horizontes in die Gegenwart gebracht hat. Er spricht mir aus der Seele, auch wenn mir nur ein kleiner Teil ihres Kampfes mit der Welt vertraut ist. Würde ich darüber sprechen, spräche ich mit den Privilegien des unbeteiligten weißen Mannes. Darum veröffentliche ich ihren Text an dieser Stelle.

18 or 19 years young at a Phantom Limbs show at Gilman in the early 2000s, too poor for fishnets but not for sharpies. I still remember Hopeless’s warpaint and spittle vividly and loved it. Happier and formative, no, revolutionizing times. Eventually moved to SF for 6 magickal years and more shows in warehouses and basements and backyards in the EastWestSouthNorth Bay than I can remember.

And unfortunately still the only place I’ll probably live in this lifetime where being a woman of color into noise+punk isn’t such an anomaly.

[…]

The only way through it is to feel it, be fucking sad, and fucking angry, and transfer that energy to something worthy of the lives lost.

Never stop going to shows in sketch spaces, supporting art and music and the courageous freaks behind it and counterculturing anyone who’s curious and dancing weirder and burning harder than ever against the soulsucking status quo. Never stop moving yourself and all the rad people still around you and that you have yet to meet forward in your own way.

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Composition 0
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The Occult Apparatus

http://electricgecko.de/2016/occult-apparatus

Die Geschichte der Hexe Demdike ist eine überaus interessante, komplexe Geschichte von Angst und den niederen Affekten menschlichen Daseins, über die Fähigkeit zu gesellschaftlicher Düsternis, die mir in diesem Jahr nicht fern genug scheint. Abgesehen davon ist Demdike auch die Namenspatronin von Demdike Stare, also dem bestbetitelten aller Producer-Projekte – was einer mutmaßlich verdienten Rehabilitation sehr nahe kommt.

Demdike Stare veröffentlichen dieser Tage ein Studio-Album. Das ist selten und Grund zur Freude, weil es einen weiteren Schritt in der Progression des amorphen Projekts bedeutet, das mal mit genre- und styleblindem Crate Digging und extensiver Schichtverleimung der dabei vorgefundenen Samples begonnen hat. Demdike sind ein Apparat, ein Prinzip, das neuen Klang durch Ableitungen von bestehendem Klang herstellt. Entscheidend ist also das Editing, darin beweisen beide Produzenten maximale Tightness.

Wonderland greift auf das zurück, was Miles Whittaker bereits in seiner Kollaboration mit Andy Stott (c.f. Drop the Vowels, 2014) erprobt hat: Die Rückversetzung seines Versuchsaufbaus für das Experiment Techno auf den Dancefloor. Dazu gilt es, raue Texturen beizubehalten und gleichzeitig funktionale Strukturen einzuziehen – also in erster Linie Breaks und Spannungsbögen in gelernten Dimensionen.

Weiterhin bedeutet es Zugeständnisse im Ausgangsmaterial. Statt osteuropäische Folkplatten zu samplen, schöpfen Demdike Stare nun aus dem Fundus, der gleichzeitig nah und fern ihrer Heimat liegt: UK-Hardcore und Jungle samt ihrer prägenden Einflüsse Dub und Dancehall der West Indies. Ohne diese wäre britische Popmusik der vergangenen vierzig Jahre (von den Specials bis Actress) nicht das, was sie ist.

Der Demdike-Apparat verträgt auch diesen Input. Wonderland schleppt sich in kunstvoller Verwaschenheit durch dichten Nebel, gebrochen, abgerissen, Fragmente eines Monuments. Alles auf dieser Platte bleibt dabei vollkommen zugänglich und wahrt große Eleganz, die sich hinter der porösen Oberfläche verbirgt. Sprezzatura wäre wohl der treffende Begriff für diese Geste – wäre Wonderland keine so dezidiert britische Platte. Demdike Stare werden weiterhin besser mit jedem Release.

  • Demdike Stare – Wonderland. 2×LP/3×CD. Modern Love, 2016.
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