http://electricgecko.de/ Version VI 6.6 2004 — 2017
Persönliche Website von Malte Müller. Grafik/Code,
Free Agent. W.A.F. Operations.

electricgecko

Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

6977

Psychological Bar Reviews (3)

http://electricgecko.de/2016/mainheim

Two young women share the communal bar along the renovated window front. They alternate between forking salmon omelettes and fiddling with their phones, plastic charms affixed with adhesive tape making faint tingling noises.

The mix and mingle of north american accents of diverse heritage creates a vague cantina vibe that is rarely experienced in this country. Adidas sneakers are de rigueur, as this venue is firmly in the hands of creative teams that spend their weekdays moving styluses over glass surfaces in the open-plan offices of Herzobase.

One wonders how this place avoids feeling like an enclave. It may be the diversity of transat lives, relationships at distance, torn and mended by frequent long-haul flights and haunted by memories of the nonplaces they play out in. Telling from conversations, most patrons seem to share the fragile and geographically distributed psychology of humans turned professional at a young age.

At a nearby table, three teenage boys from Gostenhof drink herbal tea and pre-roll cigarettes, their sneakers selected from the more democratic ranges Adidas offers to their high-street retailers.

One of the women seated along the window has finished her salmon. She gesticulates downwards, pointing out a current selection from her employer’s pricier offerings: This particular pair has been semi-winterized, purportedly. This seems to make them sufficiently fit to tread the wet, forlorn cobblestones of south german towns as well as the grey-carpeted corporate corridors they originated in.

6963

Heimat

http://electricgecko.de/2016/heimat

Ich habe Eloise vor einigen Jahren in San Francisco kennen gelernt. Gemeinsam versuchten wir erfolglos, aber auf überaus unterhaltsame Weise einen Gig von Demdike Stare zu besuchen. Seitdem verfolge und schätze ich Eloises Arbeit als Designerin und Illustratorin. Manchmal sehen wir uns in Berlin.

Vor einigen Tagen hat sie ein Foto veröffentlicht, das sie dabei zeigt, wie sie ein Netz mit schwarzem Filzstift auf ihre Hände zeichnet. Der Post ist ihre Reaktion auf den Brand im Ghost Ship während einer 100% Silk-Party, bei dem 36 Menschen ihr Leben verloren haben. Ihr begleitender Text formulierten ihren Schmerz über diesen Verlust. Er ist eine konzentrierte Formulierung der Strategie, die Menschen unserer Generation und unseres Horizontes in die Gegenwart gebracht hat. Er spricht mir aus der Seele, auch wenn mir nur ein kleiner Teil ihres Kampfes mit der Welt vertraut ist. Würde ich darüber sprechen, spräche ich mit den Privilegien des unbeteiligten weißen Mannes. Darum veröffentliche ich ihren Text an dieser Stelle.

18 or 19 years young at a Phantom Limbs show at Gilman in the early 2000s, too poor for fishnets but not for sharpies. I still remember Hopeless’s warpaint and spittle vividly and loved it. Happier and formative, no, revolutionizing times. Eventually moved to SF for 6 magickal years and more shows in warehouses and basements and backyards in the EastWestSouthNorth Bay than I can remember.

And unfortunately still the only place I’ll probably live in this lifetime where being a woman of color into noise+punk isn’t such an anomaly.

[…]

The only way through it is to feel it, be fucking sad, and fucking angry, and transfer that energy to something worthy of the lives lost.

Never stop going to shows in sketch spaces, supporting art and music and the courageous freaks behind it and counterculturing anyone who’s curious and dancing weirder and burning harder than ever against the soulsucking status quo. Never stop moving yourself and all the rad people still around you and that you have yet to meet forward in your own way.

6957
Composition 0
6925

The Occult Apparatus

http://electricgecko.de/2016/occult-apparatus

Die Geschichte der Hexe Demdike ist eine überaus interessante, komplexe Geschichte von Angst und den niederen Affekten menschlichen Daseins, über die Fähigkeit zu gesellschaftlicher Düsternis, die mir in diesem Jahr nicht fern genug scheint. Abgesehen davon ist Demdike auch die Namenspatronin von Demdike Stare, also dem bestbetitelten aller Producer-Projekte – was einer mutmaßlich verdienten Rehabilitation sehr nahe kommt.

Demdike Stare veröffentlichen dieser Tage ein Studio-Album. Das ist selten und Grund zur Freude, weil es einen weiteren Schritt in der Progression des amorphen Projekts bedeutet, das mal mit genre- und styleblindem Crate Digging und extensiver Schichtverleimung der dabei vorgefundenen Samples begonnen hat. Demdike sind ein Apparat, ein Prinzip, das neuen Klang durch Ableitungen von bestehendem Klang herstellt. Entscheidend ist also das Editing, darin beweisen beide Produzenten maximale Tightness.

Wonderland greift auf das zurück, was Miles Whittaker bereits in seiner Kollaboration mit Andy Stott (c.f. Drop the Vowels, 2014) erprobt hat: Die Rückversetzung seines Versuchsaufbaus für das Experiment Techno auf den Dancefloor. Dazu gilt es, raue Texturen beizubehalten und gleichzeitig funktionale Strukturen einzuziehen – also in erster Linie Breaks und Spannungsbögen in gelernten Dimensionen.

Weiterhin bedeutet es Zugeständnisse im Ausgangsmaterial. Statt osteuropäische Folkplatten zu samplen, schöpfen Demdike Stare nun aus dem Fundus, der gleichzeitig nah und fern ihrer Heimat liegt: UK-Hardcore und Jungle samt ihrer prägenden Einflüsse Dub und Dancehall der West Indies. Ohne diese wäre britische Popmusik der vergangenen vierzig Jahre (von den Specials bis Actress) nicht das, was sie ist.

Der Demdike-Apparat verträgt auch diesen Input. Wonderland schleppt sich in kunstvoller Verwaschenheit durch dichten Nebel, gebrochen, abgerissen, Fragmente eines Monuments. Alles auf dieser Platte bleibt dabei vollkommen zugänglich und wahrt große Eleganz, die sich hinter der porösen Oberfläche verbirgt. Sprezzatura wäre wohl der treffende Begriff für diese Geste – wäre Wonderland keine so dezidiert britische Platte. Demdike Stare werden weiterhin besser mit jedem Release.

  • Demdike Stare – Wonderland. 2×LP/3×CD. Modern Love, 2016.
6753

Known pleasures

http://electricgecko.de/2016/known-pleasures

August. Die Studiotür fällt ins Schloss und die Nacht liegt weit und offen über der Stadt. Es ist unmöglich, jetzt nach Hause zu gehen. Zu einfach scheint die Welt und zu affirmativ der Sommer. Wir lassen los, passieren die Einfahrt zum Hinterhof und berühren Play: Shoom, dieser Track und TRST, das Album, Repeat in den wenigen warmen Wochen dieses grauenvollen Jahres.

Auf der About-Seite steht irgendwas über meine Vorliebe für sehr komplexe und sehr simple elektronischer Musik. TRST01 ist Letzteres: straighter Rave, geradeaus und wirkungsorientiert. Diese Form guter Musik ist selten. Möglicherweise erfordert die Fähigkeit, ein großes und dabei nicht triviales Gefühl zu erzeugen, bemerkenswerte Disziplin im künstlerischen Prozess und eine Form von Intuition, die sich in vielen Fällen gegenseitig ausschließen. Letztlich die Lösung der großem Aufgabe des Pop, also.

Trust (ergo: Robert Alfons) löst sie durch hinreichend düstere Textur, in seiner bemerkenswerten Stimme02 und den im Nebel verhallenden Sawtooth-Basslinien. Tiefe durch dunkle Blicke, Eyeliner und gute Kleidung, die Powermoves des Goth. Sind sind der Secret Handshake: Nachdem wir uns alle darauf verständigt haben, dass wir es ernst meinen, dass wir nicht zum Spaß hier sind, dass wir nicht anders können – dann, und nur dann können wir hier gemeinsam loslassen. Arpeggios und zu viel Hall auf allem, wir wissen ja, wie es gemeint ist. Das gefällt mir natürlich.

Inzwischen ist es Winter geworden, und dieses Album ist immer noch hier. Vielleicht, weil es eines der reinen, euphorischen Erlebnisse meines Jahres war. Vielleicht, weil mir diese Form affirmativer Begeisterung so selten zugänglich ist. Platten wie diese bedeuten mir viel, weil sie mich daran erinnern, dass wir nicht nur in einer Gedankenwelt leben, sondern auch in einer Welt der Dinge03. It’s about control and all the gazing afterwards.

  1. Die Naming-Konvention ist nicht ganz klar. Ich halte es so: Trust ist der Act, TRST das Debutalbum. Slashes verwenden und Vokale entfernen like it’s 2005, also wirklich.↩︎
  2. Deem him high/he’s bound to fall/When you say love/it sounds so good↩︎
  3. Aus: Christian Kracht – Die Toten↩︎
Neuere Texte Ältere Texte