electricgecko

Juni

Das Langformat hat ausgedient, unter aktuellen Weltbedingungen des Beobachtens ist es nicht adäquat. Der permanente Wechsel zwischen Perspektiven und Kontexten ist die richtige Strategie; jedes Medienformat ist notwendigerweise ein Metaformat, das ein Bewusstsein aller gleichzeitig stattfindenden Formate einschließt. In Floor-bezogener Musik ist das nicht neu, das Einsteigen und Aussteigen aus der Dramaturgie der Nacht gehört dazu. Die kalte Luft atmen, jemanden küssen, Wasser trinken und zurückkehren in eine veränderte Stimmung ist essentiell. Kontextswitch, good entertainment.

Einem langen Format zu folgen, erfordert etwas anderes: Erscheinen, wenn die Tür aufgeht. Sich an den Schreibtisch setzen in der Nacht ohne Vorhaben. Fünf Stunden Zeit.

Das fünf-Stunden-Set ist bereits zu Beginn anders, sein Narrativ ist nicht zu überblicken, nach acht Minuten, aber dass er verschieden ist, ist klar. Ein fünf-Stunden-Set bewegt sich tastend durch Zeit und Raum, statt sich auf die Körper zu werfen (meist sind wenige vorhanden). Es verwebt die Leere zu etwas Fühlbarem, es definiert und kontrolliert den körperlichen und den emotionalen Vibe. Das fünf-Stunden-Set hat Zeit, den Raum zu durchmessen, sich zu entfernen und zurückzukehren – ohne die Spannung zu durchbrechen, wie es auf dem Floor gewöhnlich wäre.

Es ist eine meiner liebsten und seltenen Freuden, eine Nacht im Club mit ihrem Anfang zu beginnen. Dort sein, wenn die Türen aufgehen, so lange bleiben wie es mir gefällt. Ich habe das Warm-up oft mehr gemocht als die Party – die Antizipation, das Aufschichten, das Anstauen von Energie. Völlig klar einem langsamen Narrativ zu folgen, Zeit verwenden ohne Ablenkung, Alles fühlen, Freiheit im Gebundensein. Going through the motions, but doing so with increased mindfulness.

(Während ich das 5:34:14 lange Set von Pom Pom höre, das sich tastend durch große Hallen bewegt, ins Freie tritt, den aufwirbelnden Staub betrachtet, Linien auf dem Boden folgt, um schließlich nach zweieinhalb Stunden zu einem höllischen Basic-Channel-Groove zu finden, zur brutalen Gelöstheit der zweiten Pom-Pom-LP, in den Schluchten der Nacht. Buy the ticket, take the slow ride).

März

Es gab einen Moment in den nicht mehr ganz frühen Zweitausendern, in denen die Auflösung der populären Kultur eine geradezu schmerzhafte Schärfe angenommen hatte. Alles schien auf zwei Dimensionen reduziert: Musik, Fotografie und Kleidung wie Onyx, körpernah, monochrom und ohne jede wahrnehmbare Tiefe. Kein Sub und kein Rauschen, und wenn, dann nicht das vielfarbige All1, sondern Chord picking, dünne Hosen, dünne Jungs und weißes Filmkorn bei 1000 ASA.

Ich war für eine Sekunde befremdet und dann hin- und mitgerissen, als das kürzlich zurück in 2019 stürzte. Schuld ist, ach was, Hedi Slimane. Für Celine hat er einen Weg gefunden, die Schärfe, die er in Fotografie und Kleidung vor 15 Jahren definiert hat, wieder anschlussfähig zu machen. Dabei geht es natürlich zuerst um Musik und dann um alles andere. Es geht um das Mixed-Media-Kollektiv Crack Cloud.

Diese Band führt einen Take auf die hochverdichtete Präzision der Zweitausender auf. Sie spielen nicht als hätte es die Strokes nie gegeben, im Gegenteil: Crack Cloud sind die comichafte Riesenübertreibung der Strokes. Diese maximale Angespanntheit, diese gezuckten Riffs und die antrainierte Oxford-Performance sind allesamt so drüber, dass man das 2019 ausschließlich gut finden kann.

Und bei allem Gepose ist es letztlich die große Klasse, dieser krasse Skill, den man kaum sehen soll, hinter all dem Affekt. Es ist also alles, wie es sein muss, in einem Glaskasten an der Seine, und auch auf den Straßen in deiner Stadt. Man muss sie hinuntergehen, zu Drab Measure, dem Hit der Stunde, und sich jung und neu fühlen, als sei man niemals niedergeworfen worden.

  • Crack Cloud – s/t, Cassette. Self-published, 2016.

  1. Also die Hintegrundstrahlung in der Welt von Basic Channel, in der Weite und der Raumbezogenen Musik, im Dub. ↩︎

Dezember

Self-discipline is empathy with your future self, las ich zu Beginn des Jahres irgendwo auf Twitter. Das ist gut gesagt, wenn 2018 etwas gelehrt hat, dann dass kurzfristige Gratifikation möglicherweise unser größtes Problem ist. Es ist Kunst, sich zu unterwerfen, alle Konsequenzen und vor allem die schmerzhaften anzunehmen. Weil es nur dann die Chance gibt, den Dingen Gewicht zu verleihen, weil sie nur dann wirklich existieren. Gleichzeitig muss man wissen, wann und wo der Schnitt zu setzen ist. Sich mit gleicher Eleganz, Sicherheit und Würde lossagen, den Moment sezieren und gerade auf diese Weise das Neue zu schaffen. Beides, Unterwerfung und der Schnitt, sind notwendige Teile des Vertrauens in den Prozess, nicht seine Resultate.

Das war in diesem Jahr weiterhin zu lernen, wiederum in Japan: Auf dem Weg durch die unbeschreiblichen Wälder von Wakayama und am Tag des Taifuns in Kyoto, den ich in einem Bunker neben Hōkan-ji verbrachte. Es war zu lernen in London, wo ich Hōjōki las (Architektur und Geisteszustand, natürlich), als wir Subhuman Inhuman Superhuman und das Dach der Triennale für uns hatten, als in der Ferne der Frühling begann. Es war zu lernen bei Dan Flavin in München und angesichts Ryoji Ikeda’s Point of no Return (2018).

Demut, Unterwerfung, langfristiges Denken, weniges könnte unzeitgemäßer erscheinen. Ich denke, es ist der Weg der kommenden Jahre: weniger Freiheiten und weniger Gratifikationen. The wrong roads are being paved in an increasingly automated culture that values ease, und darum müssen wir gegen diese Form der Zugänglichkeit sein, und gegen Komfort. Der einfache Zugang zu allen Dingen ist eine Einladung, sich mit Anspruchsvollem zu befassen — nicht zum Versinken im zuerst Vorgefundenen. Zukünftige Infrastruktur muss die Verfeinerung ihrer Inhalte hervorbringen, nicht die Erhöhung geistlosen Durchsatzes. Es ist weiterhin an uns, diese Strukturen zu bauen. Grace as defiance, Musik des Jahres 2018.

Winter

  • Regis – Blood Witness
  • Lucy – The High Priestress (Blawan Remix)
  • Vuurwerk – Warrior
  • Gaika – Little Bits
  • Inhalt – Occupations (Black Merlin Remix)
  • Front 242 – Don’t Crash
  • Ital Tek – Memory Shard
  • DJ Boring – Winona
  • Xmal Deutschland – Qual (12″ Remix)
  • Joey Bada$$ – Piece of Mind
  • Sabre – Holy Water
  • /\\Aught – 6
  • Joey Bada$$ – Escape 120
  • S. Olbricht – Ovacrwded (Slow)

Frühling

  • Acronym – Planetary Boundaries
  • Felix K, Marcel Dettmann, Sa Pa & Simon Hoffmann – Rauch
  • Lee Gamble – Dollis Hill
  • Alva Noto – Uni Version
  • Topdown Dialectic – 20170804–05
  • Marcel Fengler – Sphinx (Alva Noto Remodel)
  • Lootpack – Loopdigga
  • Seelow – TFE XX4 B
  • Obscure Shape & SHDW – Am Ende der Welt
  • Pom Pom – Untitled (O–Ton 111/A1)
  • Somewhen – Kilo
  • Le Tigre – Deceptacon
  • Jeru the Damaja – Whatever
  • Efdemin – Sirius

Sommer

  • Trust – The Dazzle
  • GZA – Duel of the Iron Mic
  • Shed – Lumber Fix TT
  • Kareem – Your Markets are Volatile
  • Rin – Avirex
  • Heathered Pearls – Under The Bridge (Fort Romeau’s Amerikas Cities Mix)
  • Skee Mask – Flyby Vfr
  • Gang of Four – Damaged Goods
  • Dabrye & MF Doom – Lil Mufukuz
  • Shed – Well Done (303edit)
  • Phase Fatale – Reverse Fall
  • Drexciya – Andreaen Sand Dunes
  • Jan Jelinek – Tendency
  • Joey Bada$$ – 95 Til Infinity
  • Kareem – My Degree is a Black Belt

Herbst

  • Skee Mask – 274
  • Sei A – Space in Your Mind (DJ Tennis Miami Dub)
  • Wu–Tang Clan – Wu–Tang Master
  • Belief Defect – Deliverance
  • Demdike Stare – Savage Distort
  • Kamaal vs. Wu–Tang – Catch the Criminal Loop
  • Ital Tek – Reflection through Destruction
  • Xmal Deutschland – Polarlicht
  • Vril – Haus (12″ version)
  • Warsaw – The Drawback (All Of This For You)
  • Objekt – Secret Snake
  • Belief Defect – Disembarking Horizon
  • Warsaw – At a later Date
  • Lee Gamble – Motor System
  • Yann Cook – Time Bend
  • Sisters of Mercy – Alice

Winter

  • Clouds – Base Damage
  • Zuli – Archimedes (featuring Abyusif)
  • Absolute – Malfunction
  • Zuli – Ahmed?
  • Clouds – Dark Leviathan Krew
  • Lee Gamble – Kali Wave
  • Operation Ivy – Freeze Up
  • … But Alive – Antimanifest
  • Clouds – Skulcoast
  • D.A.F. – Absolute Körperkontrolle
  • Stable Mates – Good Soul
  • Delf – Meditation
  • Gila – 106 Slipper
  • Khotin – Water soaked in Forever
  • Xmal Deutschland – Niemandsland
  • Ludwig A.F. Röhrscheid – Velocity

Sets

Auseinandersetzung mit Musik ist etwas anderes als Musik hören. Musik muss natürlich gehört werden. Aber sinnliches wie intellektuelles Verständnis herstellen, Musik anwenden auf sich selbst und alles, das sind eigenständige Tätigkeiten.

Wie viele Dinge beginnt meine Faszination für eine Musik mit Codierungen, Verweisen auf eine Weltperspektive oder ein größeres ästhetisches System. Ich bleibe hängen, und das ist ein entscheidender Moment, der Anfang eines Gedankens. Habe ich Zeit, ihn zu verfolgen, zwischen zwei Haltestellen einige Zeichen in die dunkle Monospacewelt von IA Writer zu notieren, dann ist etwas gewonnen: eine Welt, eine Quelle für Neues.

Ich habe dieser Art der Auseinandersetzung mit Musik Zeit und Raum gegeben, in diesem Jahr. Eine Nacht im Schreibzimmer in Porto, ein langer Spaziergang am Kanal in die Wildenbruchstraße. Ich bin dankbar für die unendliche Menge großartiger Haltungen, Styles und Perspektiven und dankbar für die Fähigkeit, etwas vorfinden und erfinden zu können, in den Welten anderer. Fünf Platten, die mir 2018 wichtig waren.

  • Topdown Dialectic – 20170804 (/\\Aught)

    Mit der Musik von Topdown Dialectic habe ich die Entsprechung einer Stimmung entdeckt, die ich zuvor allenfalls mit architektonischen Kriterien hätte beschreiben können: Ein ruhiger, heller, angenehm aufgerauhter Sinneszustand, einhergehend mit großer Neugier auf Komplexes – und dem Wunsch, sich etwas einfallen zu lassen.

    Wie mit keiner anderen Musik assoziere ich diese verspielte Angriffslustigkeit des Intellekts mit 20170804 – wie im März gesagt, weniger eine Platte als die Momentaufnahme eines großen Arrangement aus Loops und Cuts: Ihre hellgraue Körperlosigkeit erreicht nie das hier, den Vordergrund, sie bleiben im dort, eine architektonisch zu spürende Abstraktion, Musik als Infrastruktur.

  • Joey Bada$$ – Summer Knights (Cinematic Music Group)

    Ich erinnere mich, an den Spreebrücken an der Friedrichstraße gestanden zu haben, auf die untergehende Sonne hinter dem Berliner Ensemble wartend. Einmal in den frühen Zweitausendern und einmal 2018. In diesem Jahr hörte ich 95′ till Infinity und Death of YOLO, also ein Tape von 2013 im Rückgriff auf 1996, und diese ganze wahnsinnige Weltkomplexität erschien mir sinnvoll. Ich habe meine Jugend mit dieser Art Hip Hop verbracht. Er hat mich nie verlassen. Ich bin mir nicht sicher, ob es Joey Bada$$‘ wundervolle Stimme ist, sein zugleich smoother und rauer Flow oder seine Fähigkeit zu echtem Pop1 – wenn ein Kid aus einer anderen Welt mit Flow und Attitüde sein Leben derart zwingend erzählt, dann denke ich nicht, sondern höre zu. Die Unmittelbarkeit und Vielfalt von Summer Knights, der Rudeboy Skank von My Yout, sie waren untrennbar mit den guten Tagen im frühen Sommer dieses Jahres verbunden.

  • Alva Noto – Unieqav (Noton)

    Es vergeht selten eine Woche, in der ich keine Musik von Carsten Nicolai alias Alva Noto höre. Die konzentrierte Stimmung, die große Ruhe, die Verdichtung des Minimalen zum Monumentalen in seinen Releases sind Konstanten, an denen ich mich orientiere. In diesem Jahr war UNIEQAV (nach UNITXT und UNIVRS der dritte Teil der Uni-Trilogie) ein Höhepunkt und ein Endpunkt dieser Form der Verdichtung. Elektronische Popmusik, die emotionalen und intellektuelle Räume schafft, in denen ich denken und empfinden kann. Musik zum Verlassen der U-Bahn, für den Weg die Treppen am Nollendorfplatz hinab, für die verschwimmenden Lichter nebelfeuchter Nacht. UNIEQAV, das sind natürlich alles Hits, der Welt fern und dem kollektiven Inneren nah. Ein weiteres, essentielles Album, eine weitere Konstante im zeitlosen Raum2.

  • Xmal Deutschland – Fetisch (4AD)

    Diese erste Platte3 von Xmal Deutschland ist in vieler Hinsicht das prägende Album des Jahres, 35 Jahre nach ihrer Veröffentlichung. Die antiaffirmative und zugleich ästhetisierte Gothgrundhaltung der frühen 1980er liegt mir nah. Niemand sollte dauernd lächeln müssen; wer denken und fühlen kann, ist verletzt von der Welt, eine eigene muss her. Fetisch ist die Erfindung dieser eigenen Welt mit groben Mitteln, ein Powermove, ein Manifest dafür, innere Fragilität nicht als Hinderung, sondern als etwas zu schützendes zu begreifen.

    Dieser Gedanke ist einfach, schön und richtig. Diese Musik ist eine Lektion darin, wie man dem Draußen mit Würde und Haltung begegnet. Seit ich mich im Januar eingehender mit Xmal Deutschland befasste, war ich zwölf Monate lang immer wieder dankbar, dieses Album hören und mich an der Fierceness dieser Frauen aus dem Hamburg einer anderen Zeit orientieren zu können.

  • Clouds – Heavy the Eclipse (Electric Deluxe)

    So wichtig Fetisch mir in diesem Jahr war – Heavy the Eclipse erscheint mir im Rückblick wie die gegewärtigere (und darum zwingendere) Fortsetzung ähnlicher Gedanken. Clouds verlegen sie in ein anderes Genre (UK Hardcore), unter Verwendung der musikalischen und technischen Mittel dieses Jahres (2018). Auch hier geht es ums Welterfinden, darum, einen gesamtästhetischen Vorschlag zu machen. Neurealm ist dieser Vorschlag.

    Die Tracks auf Heavy the Eclipse sind Fragmente, die aus einer vollständig eingerichteten Welt gegriffen scheinen. Sie sind so stark, so verdichtet und hinreichend voller Fragen, dass sich aus jedem die Gesamtheit jener Welt herausklonen ließe. Skulcoast und Onslaught Ash Krew sind geradezu cinematisch in ihrer ästhetischen Qualität, ihre Informationstiefe spürbar in jeder Sekunde. Das ist massive Musik, Quelle von Intensität und neuer Ideen zu einer Zeit, in der wir beides dringend brauchen. Ein singuläres Album einer kontigenten Gegenwart.

    I think this whole idea of creating a universe, and then living in the middle of it always attracted me.

Auch wichtig und häufig gehört: Heathered Pearls – Detroit, MI 1997—2001 Remixes, Felix K, Marcel Dettmann, Sa Pa & Simon Hoffmann – Rauch, Zuli – Terminal, Front 242 – Back Catalogue, Warsaw – Warsaw, Shed – No Repress but Warehouse Find EP, Sisters of Mercy – Some Girls wander by Mistake, Pom Pom – Untitled, Yan Cook – Dead Satellite


  1. Im Sinne des großen universellen Kunst/Leben-Moments affirmativer Musik, nicht im Sinne der Marktgesetzoffensichtlichkeiten aktueller Protagonisten. ↩︎

  2. Es gibt übrigens einen sehr guten Mitschnitt der Finissage der Carsten-Nicolai-Ausstellung in der Copenhagen Contemporary von 2016. Ein ähnlich herausragendes Set sah ich mit Hannes beim Sonar Festival, eine meiner liebsten Erinnerungen aus jenem Jahr. ↩︎

  3. Das erste Release ist wirklich, ohne Ausnahme, immer das beste: Die konzentrierte Inkarnation einer Idee, entbehrungsreich oder nachlässig hergestellt, ohne dass sonst etwas notwendig wäre. Die erste Platte ist ein Moment der Klarheit, Begrenztheit und Intensität. ↩︎

November

Auch das Rohe hat seine Unschuld verloren. Spricht man über Musik, sind selbst die verwertungsfeindlichen, tapfer aufrichtigen Genres Hardcore und Gabber nur strukturkonservativ (also mit Hilfe großer kognitiver Anstrengung aufrecht erhaltener Ignoranz, siehe auch Black Metal und Oktoberfest) aufzuführen. Abgesehen dieser Trance-Generators- und Terrocorps-Revivals bleibt also nur das Schicksal aller Popkultur: Verwertet werden. Schaut, wie cool, hart und doof/Lolwat, Neon-Tribals?!

Glücklicherweise hat auch das Rohe Partisaninnen, die seine inhärenten Qualitäten schätzen und weiterentwickeln: die kognitive Wirksamkeit, das brutale Überladen der Wahrnehmung (damit nichts anderes stört), die endlose Schönheit seiner unbehandelten Texturen.

Clouds sind Partisanen roher elektronischer Musik. Sie schlagen neue Anordnungen für Jungle, Hardcore und Gabber vor, sie schaffen Hörbarkeit durch Kontext und stellen damit die Würde dieser Genres für die Gegenwart wieder her. Dazu setzen sie Mittel ein, die unter rohen Fassaden erst nach und nach lesbar werden. Selbstverständlich müssen zunächst Überdimensionierung und Nachdruck etabliert werden, das vollständige Ausfüllen der kognitiven Kapazität der Hörenden mit Musik: auf HTID übernehmen das die Einstiegstracks Base Damage und vor allem der Banger der Platte, Dinner at Skinjas.

Ist eine gewisse Gewaltbereitschaft unter Beweis gestellt, demonstrieren Clouds ihre Aufmerksamkeit für Details, ihr Gefühl für Zeit und Raum sowie einen gänzlich genrefremden Hang zum cineastischen: Wir hören Geschehnisse einer Welt, in der diese Platte stattfindet, vollständig eingerichtet und zuende ausgedacht, großteils in den Schatten verborgen. Diese Welt wird gleichsam hineingesampled, Charaktere und Orte bleiben unklar, aber das Gefühl für ihre Texturen und Konflikte zieht sich durch die Dramaturgie der Tracks.

(Insofern ist es nur folgerichtig, dass Clouds für ihre folgende LP das Welterfinden externalisieren. Gemeinsam mit David Rudnik erzählen sie auf Heavy the Eclipse die audiovisuelle Geschichte von Neurealm – einer in Deutschpatois ausgekleideten Version von Glasgow im Jahr 2418, in der sich allerhand unterhaltsame Raver, Gangs und Freischärler gegenüberstehen. Die Folge sind nicht nur unrealistisch gute Tags und Bombings, sondern auch Track-Titel wie Warped Amphetamine Flex und Nachtstorm Hardcore.)

Schließlich sind es die trackübergreifenden Narrative, die Clouds-LPs zu Alben machen. Auf HTID gibt es eine herausragende Progression von Quest Posse Wanted zu Rush in 2 Orbit (Skinnergate) (wie gut diese Titel sind, wie gut die ganze Lore ist). Letzteres versteckt seinen höllischen Groove bis 3:21, quasi in plain sight, und dann ist auf einmal alles da – kulminiert in einer rohen, komplexen, spartanischen Gesamtschönheit, auf dem Floor und im Hirn, rar in jedem Genre.

Oktober

Ghostly International hat sich schon immer wie ein Resultat des Internet angefühlt, des frühen, eigensinnigen Internets. Eines Ökosystems, das ein Label wie dieses ermöglicht hat – weniger basierend auf dem Einverständnis über ein Genre als auf einem neuen, diffusen Gefühl von Gemeinschaft. Transcending its record label roots to sell an ethos, wie die Times einmal schrieb, and an emotional state of upbeat world-weariness, möchte man hinzufügen.

Es gab stets eine Gleichberechtigung zwischen Releases, den Artworks (und tatsächlich, Desktop-Hintergründen) von Michael Cina, der bisweilen arg verstolperten Floormusik auf Spectral, den Stickern und all dem Material drumherum. Seit den mittleren Zweitausendern ist Ghostly Quelle einer spezifischen Art von Moodyness, eine Welt, in der nichts okay, aber das unmittelbare Hier und Jetzt erträglich ist, voller verwaschener Beats und im Sommergegenlicht verebbender Reverbs.

Für mich hat es immer eine spezifische Stimmung gebraucht, um derartige Wärme aushalten zu können. Aber im richtigen Licht, in der richtigen Situation kann eigentlich nur ein Ghostly-Release gehört werden1.

Ihre größte Konzentration fand diese Stimmung für mich stets in den seltenen Releases von Heathered Pearls2. Stark texturierte, maximal warme, weiche und tiefe Musik ist das, wie Schlaf am Strand, und nicht ohne dessen Düsternis der Natur und des fern drohenden Wetterumschwungs.

Ich werde mir den Sommer dieses Jahres schwer ohne den Amerikas Cities Remix von Under the Bridge vorstellen können. Weil dieser Track gleichsam zu Hause war, in all der Sonne und all der Dunkelheit dieses Sommers, in den Versuchen, neue Lösungen für die gleichen Probleme zu finden. Am 10. September notierte ich in einem Wagon der Hanzōmon-Line:

Fort Romeau’s Remix of Under the Bridge by Heathered Pearls may well be the track of this year, a requirement of the here and now. Its continuous media-sampled stream of consciousness encompasses everything to be depressed about, its pure expansive, sprawling, mellow softness describes everything to be hopeful for. In its very fabric, this track encompasses the hope, power and promise of music. To find and connect every person able and willing to perceive, to think and to feel.


  1. Früher, sehr häufig: die opulente 2×12″-Edition von Glider, von The Sight Below. ↩︎

  2. Also Jakub Alexander, der als Musikautor bei Iso50 (das erfreulicherweise weiterhin existiert und weiterhin aussieht wie in 2007), für den Teil meiner Musiksozialisation verantwortlich ist, die abseits von Wavegitarren und der in Hamburg vorgefundenen Floormusik stattfand. ↩︎

Juni

(Noch ein Text über Shed, zum Re-release von Well Done My Son, veröffentlicht eigentlich irgendjemand sonst noch Musik?)

Shed ist zwei Personen – ein Produzent von Techno-Alben, die von ihrer Spationierung leben, deren große Momente in der Leere und im Rauschen des Delay-Filters arrangiert sind. So sorgsam und kontrolliert produziert, dass sie bereits zum Zeitpunkt ihres Erscheinens zeitlos sind.

Die andere Person ist WAX-Shed, Dub-Shed, Banger-Shed, Funktions-Shed – der Typ, der nach zwanzig Jahren immer noch Whities für die Floors raushaut. Komprimierter Techno, der stets und spürbar im Raum stattfindet (auch hier ist Dub die Basis1). Es sind die einfachsten Progressions aus zwei Akkorden, die kompakteste Snare und kurz vor 130 BPM.

In beiden Varienten des Shed-Outputs geht es um Zeit: ihre Manipulation, Verdichtung, Auflösung und Wiederverwertung: Ein Spektrum zwischen dem ganz und gar Dasein im hochverdichteten Moment und dem endlosen Leben mit seinen auseinanderliegenden Momenten, Verbunden durch Musik. 12 Jahre nach seinem ursprünglichen Release ist Well Done My Son auch in diesem Sommer wieder ein Punkt auf dieser Achse.

Ich wollte nur sagen: Well Done ist ein Banger für den Sommer, ein komprimiertes Brett, komprimierte Zeit, jetzt und hier keine weiteren Gedanken, der Track ist so gut.


  1. Wie zuletzt zu hören auf No Repress But Warehouse Find↩︎

Auseinandersetzung mit Kunst ist Unterscheidungsfindung, die Suche nach einer Perspektive, das Begutachten von neuem Material auf Brauchbarkeit für kognitive, emotionale, ästhetische Baustellen. Es ist schön und befriedigend, wenn die Kognition einrastet, wenn sich Verständnis einstellt, die Entcheidung fällt, wie da von nun an etwas zu betrachten ist: Suddenly hooked on that new Shed EP.

Im Fall der einigermaßen sperrig betitelten Not a Repress but Warehouse Find hat es eine Weile gedauert, um zu verstehen, wo das alles hingehört. Vermutlich brauchte es überhitzten Berliner Asphalt und ein leicht dehydriertes Gehirn, um dieser kunstvollen Anordnung von Ravebrutalismen folgen zu können. Lumber Fix TT ist ein Stück Architektur, so präzise, dass man die schamlose Peaktimehook erstmal überhört – und von den ersten zwei Minuten Acid Drift bleiben wenige Erinnerungen übrig, nachdem eine brachiale 808 endlich Bodenhaftung erzeugt. Dann zwei Shedding-The-Past-mäßige Interludes, zu denen man über den Kanal oder in den Himmel blickt. Die beiden letzten Tracks (Entschuldigung, ich muss, die Namen sind so schön: Sp ToolVltk3 und 130 Go Sweep) könnten um ein Haar das neue Wax-Release sein, wären sie nicht so kompakt und kontrolliert und nicht so mittelbar fantastisch.

Such a nice piece of sonic brutalism, so verfasert kohärent und so intens, dass es sehr gut zu diesem Sommer passt.

Mai

Alva Noto war schon immer das Alter Ego für die Hits, für den affirmationsorientierten Output des Projekts Carsten Nicolai. Dieser Musik geht es um die Beschreibung physikalischer Räume – dem Herausarbeiten der arkanen Konfigurationen, die in ihrer Metaphysik etwas fühlbares hinterlassen. Insofern ist die Uni-Trilogie (UnitxtUnivrsUnieqav) natürlich Popmusik, so berechnend wie effektiv.

Diese Präzision bleibt dabei unverschleiert, das Gefühl in einem antiauthentisch herauspräpariert und hochgradig empfindbar gemacht. Dies gilt für den dritten und letzten Teil der Serie in besonderem Maße: Unieqav reißt noch einmal alles ab, was die Stätten des Kunst- und Lebensbetriebs in den Städten hergeben. Printworks London, Margiela GATs, Karl-Marx-Stadt, Doppelhelix auf eins und vier. Heimweg zu Uni Blue, dem aufgerauten Hit der LP, ein Track wie gewaschener Kaschmir.

Ich erinnere eine der frühen Aufführungen dieser Platte in einem dunklen Theater in Barcelona, der Welt fern und nah dem kollektiven Inneren. Pop: Das Gefühl eindringlich vorhanden und aufgelöst zu sein. Gemeinschaft, oder zumindest Gefährtenschaft, erzählt auf eine Weise, die ich verstehen kann.

  • Alva Noto – Unieqav, LP. Noton, 2018.

April

Manche Gedankenformen habe ich so häufig vorfolgt, dass sie zu Bedingungen meiner Wahrnehmung der Welt geworden sind. Ich arbeite mich an Themen ab, und so wenig sie mit der elusiven Natur von Realität1 zu tun haben, so instrumentell sind sie für die Herstellung von Wahrheit als subjektive, kontingente Folgerichtigkeit. Inhaltlich letztlich bedeutungslos, aber Pfeiler eines funktionierenden Frameworks um klarzukommen.

Eines dieser Themen ist die Hochverdichtung eines Gedankens bis zu dem Punkt, an dem nicht mehr unterscheidbar ist, ob er sehr klug oder sehr dumm ist. Werden diese Pole äquivalent, sind andere Kriterien interessant und notwendig: Intensität. Effizienz. Case in Point: Das unbetitelte Release einer ebenfalls unbenannten Produzentin des nuller-Jahre-Labels Pom Pom bei Ostgut. Diese EP ist pure Form, ein Bekenntnis zum Geradeaus und zur Intensität. Musik wie diese scheint mir nach wie vor die einzige Chance, meinen Drang zur permanenten Unterscheidung für eine kurze Weile auszusetzen. Vielleicht geht es auch in erster Linie um Commitment: Commitment zu genau einer Idee, so einfach, richtig und begrenzt sie auch sein mag.

Dieser Text erscheint mir weniger zielführend als der Waschzettel des Labels zu diesem Release: Black strikes back. Pom Pom. Bumm Bumm. Ja Ja. Vollkommen richtig.

  • Pom Pom – Untitled, EP. Ostgut Ton, 2018.

  1. Dieser Begriff verlangt stets nach Anführungszeichen oder – zumindest – Kursiven: I always perceived radical constructivism as a survival tactic. ↩︎

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