electricgecko

Mai

Versuch, über Environment zu schreiben, die 2019 erschienene LP von My Disco. Es ist ein Album, das die Prinzipien und den Sound der Gruppe weiter zu komprimieren versucht – und sie dabei splittern lässt, wie es extrem harte Dinge naturgemäß tun.

Ruhe, nicht zu verwechseln mit der Abwesenheit von Masse und Momentum: Die stete Flugbahn eines schweren Objekts am Himmel, der lautlose Beginn einer Lawine. Energie, die mit keinem Sinn wahrzunehmen und dennoch spürbar ist.

Reduktion, Entfernen um das Verbleibende zu betonen: Die entscheidende Bedeutung der Abwesenheit von Architektur in Tadao Ando’s Sayamaike Museum in der Nähe von Osaka. Die unerträgliche Dichte der Leere in dieser Musik1.

Handlung, sich zu entschließen, in den Lauf der Welt einzugreifen: Environment befasst sich mit der Konzentration vor der Handlung. Keineswegs mit dem Zögern oder Überlegen, sondern mit dem Abwarten des richtigen Zeitpunkts. Schließlich: Die gemessene Handlung, den Raum abschreiten, einen Satz abschreiten, in Musik. Do I do enough?

Environment, die umgebende Welt: Ein treffender Titel für eine organische Industrial-Platte. So nah am Körper, zugleich auf sein Verhältnis zum Draußen bezogen (Forever, Equatorial Rainforests of Sumatra).

_This is temple music_, notierte ich vor zwei Monaten, unter dem Eindruck von Rival Colour, dem entscheidenen Track auf Environment. Es ist eine Musik, die Wahrnehmung und Körperhaltung verändert, wie das Betreten eines monumentalen Bauwerks oder eines alten Gartens. Während sie gehört wird, ist jeder Gedanke durch ihre Atmosphäre gefiltert. Jede Handlung trägt ihr Gewicht, its measured intensity, its rigour and concentration. Its all-leveling truth.


  1. Der dringende Wunsch dieser Gruppe, hier und jetzt nicht zu existieren, aufzugehen in konzentrierter Musik., schrieb ich auf während des My Disco-Gigs beim Atonal 2019. ↩︎

März

Es ist Februar 2020, ich sitze in einem Fernzug durch die Steppe. Es sind dreißig Grad, die Sonne scheint durch stahlgefasste Fenster. Bevor sie aufging habe ich die neue Messerplatte bei iTunes gekauft, mit meinem Telefon. Ich höre sie zum ersten Mal, während nordafrikanische Landschaft vorbeizieht. Drei der sieben Stunden von Fes nach Marrakesch mit diesem Album über das Entkommen.

Die Misere des Jahres 2020 war zu diesem Zeitpunkt, obschon zu ahnen, nicht vorstellbar. Dennoch scheint der dieses Album bestimmende Eskapismus, vom März aus betrachtet, vollkommen adäquat. Eine Reaktion auf das Gefühl, eingeschlossen zu sein: nach drei Alben, in dieser Zeit, generell hier drin. Wir müssen raus. Das schlägt sich in einer gewissen Eeriness nieder, die ohne kontinentaleuropäische musikalische Entsprechung ist, und wohl auch ohne adäquate deutsche Vokabel1. Dieses Fernweh ohne Ziel, es ist wohl eher ein britisches Ding. Folgerichtig klingen Messer auf No Future Days, ihrem vierten Album, wie The Police, und wie die Specials in Ghost Town. Gefangen unter Thatcher, raus wollen und nicht raus können, eine Gruppe in ungewissen Zeiten.

Was bleibt, sind Texte als Türen und Orte, die blauen Augen in die ganz bestimmt sonnige, aber ebenso vage Ferne gerichtet. Das bedeutet eine Veränderung im Schreiben wie im Gesang von Hendrik Otremba – wurden auf Jalousie noch Geschichten erzählt, bewegen sich die Songs auf dieser Platte durch eine Welt aus wabernden Allegorien. Sie speist sich aus dem gleichen Universum wie Kachelbads Erbe, Protagonisten und Schauplätze finden hier ein unstetes Zuhause. Lena sagt, der Gesang sei noch mal ein Stück schnarrender geworden. Das ist nicht falsch, und es tut diesem Album gut. Text findet seine Entsprechung. Die Qualitäten der Gruppe Messer – Geschmack und Kohärenz – bestehen auch in dieser veränderten Form weiter.

Notizen aus dem Wüstenzug, vom ersten Hören der Platte.

  1. Das verrückte Haus: Braune Schilder, Sand in der Luft, Wolken ziehen herauf und bleiben fern, Casablanca Voyageurs. Unzweifelhaft ein Messersong, allein diese insistierende Bridge, und doch geht hier vieles auf, für die nun folgende Platte. Es ist dunkel in der Sonne, in einer khakifarbenen Welt. Das verrückte Haus und das Haus der Lüge, sie mögen über ihre Keller verbunden sein. Es ist eine andere Zeit.
  2. Der Mieter: Der eckige Funk der Strophen verebbt im Refrain, und mit ihm jede Orientierung. Mir gefällt die Orgel, und die Wortwahl. Wem gehört dieser Kopf? Am Strand angekommen, vergisst man sofort alles. Am Ende ist klar, dass es auf dieser Platte kein zweites Die kapieren nicht geben wird.
  3. Tapetentür: Das blecherne Piano klingt nach Sehnsucht. Hier ist ein Stück dieser energiegeladenen Idleness, die die Specials zu ihren düsteren More Specials-Zeiten ausgemacht hat: Resignation und Energie, zusammenreißen und losbrechen. Ein Auflehnen gegen den Verlust des Selbst im dunklen Ende der achtziger Jahre. Ich hätte nicht gedacht, dass sich die Worte „ein Telefon schellt“ mit derartigem Effekt singen lassen.
  4. Anorak: Das ist wohl nun das Commitment zum Rhythmus, zu blue-eyed Rocksteady, zu diesem etwas zu kopflastigen Police-Groove. Pures Momentum. Ich liebe es natürlich, den ganzen Referenzrahmen und auch den Text. Uhren verstellen, und dann ist das Ding gelaufen. Klar.
  5. Tiefenrausch II: Sehnsucht, Fernsucht und ein kurzes Innehalten, bevor man ihr nachgibt. Ich muss unvermittelt an die Buchhandlungen meines Lebens denken, und die Flucht, die es dort zu kaufen gab. Dann daran, wie die Bücher auf der Kofferraumablage aus dichtem, schwarzen Textil im Passat meiner Eltern auf der Autobahn in der gleißenden Sonne liegen. Der Track ist voller Details. Dieser total gute VST-Drumsound!
  6. Tod in Mexiko: Ziemlich sicher der Song der Platte, der von dieser Zeit zu Beginn des Jahres 2020 im Gedächtnis bleiben wird. Zugleich ein Verweis auf eine der signifikanten Passagen aus Kachelbad’s Erbe. Diese Stimmung ist schön, und schwer zu ertragen, die wistfulness (noch so ein Wort ohne deutsche Entsprechung) in Musik und Text trifft einen schwer zu bestimmenden Punkt nah am Herz. Die Zeit ist eine Wunde, das Alter ist ein Ort. Merkenswert.
  7. Die Frau in den Dünen: Ein Drängen, ein Losbrechen, ein Reißen in Sprache und Sound, Messermusik. Bezeichnend ist das Wiederholen eines Kernbegriffs – immer sind es Universalismen, eher Universen als Worte, die sich gut proklamieren und schreien lassen. Bausteine von Parolen, die den Hörenden die Entscheidung überlassen, was denn nun genau gewollt werden soll: Alles, Lust, Sand. Arbeit am Wort. Das ist wohl der Hit der Platte, denke ich, jedenfalls die höchste Intensität bisher. Von hier kann ich das Ende des Zuges in der Kurve sehen.
  8. Stern in der Ferne: „Die Fauna vergibt nicht, sie passt sich nur an“. Ich realisiere jetzt noch nicht, wie zutreffend das in einem Monat sein wird. Es muss großen Spaß machen, diesen Song live zu spielen.
  9. Versiegelte Zeit: Schließlich ins Freie. Im großen Kreis gehen, den knirschenden Sand unter den Chelsea-Boots, ein bisschen Freakout, die letzte rauchend innehalten, in die Sonne schauen. Ein Aquarium aus Licht. Das Ende eines sanftes Albums, das schließlich auch vom Ende der Menschen handelt.

  1. Die Spex schreibt vom Rumgeistern, das ist zwar kein Adjektiv, aber schön und treffend gesagt. ↩︎

Dezember

Am letzten Tag der Dekade steht die Sonne tief, waagerecht zu den letzten schwarzen Oberflächen des Jahres 2019. So muss das sein, Echo einer Erinnerung an den Blick aus Kriesse’s Fenster in den Nuller Jahren. 2019 war ein Jahr mit hoher Dichte, das war klar, als es sich vor einer Ewigkeit über den Dächern der Stadt ausbreitete.

Die Konstanten in diesem Jahr waren Bewegung und Arbeit. Das war erwartet und geplant, und in der Kombination schöner und härter als vorgestellt. Ich habe in einem Hotelzimmer über Wilshire gearbeitet, in Garagen an den Westküsten der USA und Portugals, in einem Haus aus Holz am Tegernsee, auf einer Dachterasse über dem Beton Marseilles. Am Schreibtisch einer kolonialen Stube in Ho Chi Minh City, in einem sonnigen Innenhof in Paris. Neben dem Ofen in einer Scheune in Brandenburg. In Betten, Zügen, Nächten. An welchen Ort ich gelangte, Arbeit war bereits dort.

Vieles später: Los Angeles und seine Schatten, Sport1, Staples, Alkohol, schwarz weiß. Rave, Nebel Nebel, Love in a Basement. Eupalinos und die Wahrheit und Demut, die mich Web Design as Architecture gelehrt hat. Gebäude in Marseille, Rue Marengo. SEGMENT oder die Freude, Willen in Präsenz zu verwandeln. Wahre Partnerschaft. My life as perpetual experimental proof that a life can be lived this particular way.

Selbstdisziplin und Intensität sind berauschend, und berauschende Dinge darf man nicht übertreiben, sonst spürt man sie nicht. In den 2020er Jahren muss das Verschwinden gelernt werden. Langsamkeit, Intervall, den Kick der Disziplin rationalisieren. Mit den Jahren wird klar, dass diese Worte nicht das Gegenteil der Agenda sind, sondern ihr Endgame. Totale Intensität und völlige Ruhe als Einheit der Differenz, しんずい, following the material and guiding it at the same time, until coherence emerges organically. Musik kurz davor, am Ende der Zehner Jahre.

Winter

  • Boy Harsher – Run
  • VC-118A – Inside
  • Demdike Stare – At it again
  • Shed – Guile
  • Crack Cloud – Drab Measure
  • Schwefelgelb – Durch die Haare die Stirn
  • Lee Gamble – Moscow
  • STL – Silent State
  • Neustadt – Neustadt
  • Sei A – Mode Static
  • Forschung & Entwicklung – Premis II
  • Boy Harsher – LA
  • Flxk1 Ft. Wan.2 ‎- Antitheorie A1

Frühling

  • Die Goldenen Zitronen – Die Alte Kaufmannsstadt, Juli 2017
  • Rick Wade – The D
  • Vril – Incendium
  • Lord Apex – GTSA
  • Show & AG – Bounce to This
  • Zebra Katz – Blk & Wht
  • Zomby – Zexor
  • Major Dollar Bills – Midnight Fusion
  • Supreme The Rude Boy – Friday Nite Live
  • Rainer Veil – Gauze
  • Kareem – Inhale
  • Constantine – Cosmos
  • Acronym – Nemo

Sommer

  • Dasha Rush – Antares
  • Shinichi Atobe – Heat A1
  • TR/ST – Colossal
  • Belgrad – Westen
  • Franz Ferdinand – Take me out
  • Martyn – Rhythm Ritual
  • Pessimist – Through the Fog
  • Kareem – Rattle Disco
  • Topdown Dialectic – A1
  • Osaka – Love hurts
  • New Order – Hurt
  • Ministry – Everyday is Halloween
  • DJ Bogdan – Love Inna Basement (Midnite XTC)

Herbst

  • Messer – Anorak
  • The Police – Bring on the Night
  • Boy Harsher – Morphine
  • Topdown Dialectic – B4
  • Grauzone – Wütendes Glas
  • The Aim of Design is to Define Space – AIM #@%!$
  • The Aim of Design is to Define Space – Fanta Fear
  • Hoover1 – 1B
  • Shed – B1 (Anfang und Ende)
  • Wax – 70007B
  • Rainer Veil – Repatterning
  • Newworldaquarium – Trespassers
  • TR/ST – Iris
  • Shed – Menschen und Mauern

Winter

  • Lord Raja & Jeremia Jae – Van Go
  • Messer – Der Mieter
  • Siouxsie and the Banshees – Cities in Dust
  • Notorious Big & Method Man – The What
  • Iori – Spaciotemporal (Vril Remix)
  • Galcher Lustwerk – I see a Dime
  • Drab Majesty – Foreign Eyes
  • Shed – B2 (Anfang und Ende)
  • Alva Noto + Anne-James Chaton – CR-FO
  • Speedy J. – Krikc (Umek Remix)
  • Hiro Kone – Fabrication of Silence
  • STL – Good Wine (33.3rpm)
  • Schwefelgelb – In dem Laken
  • Blitz – Flowers & Fire

Sets


  1. I never lost my adoration for the lessons the sport taught me, about resilience and grace, about humbleness, the american myth of hard work, about getting up and not blaming anyone but your own body and mind. ↩︎

2019 war das erste Jahr ohne die gedruckte Spex, also die Publikation, die (neben De:Bug und The Wire) meinen Zugang zu Musik wesentlich geprägt hat. Eigentlich nicht den Zugang, eher die Art, über Musik nachzudenken, darüber zu sprechen und zu schreiben. Über Musik schreiben, nicht um sie zu kritisieren oder öffentlich gut zu finden. Über Musik schreiben als Auseinandersetzung mit der Art, wie sie in die Welt und die eigene Psychologie passt. Darüber, was Musik empfindbar macht, also darüber, was Musik in der inneren Welt hervorbringt. Auf diese Weise über Musik zu schreiben, hat eine gewisse therapeutische Qualität. Über Musik schreiben ist auch immer: Die eigene Mythologie schreiben, eine Welt erfinden und dann darin leben.

Das Format der Fünf Alben des Jahres ist beliebig, inadäquat und überholt. Auf diese Weise vermeintliche Struktur schaffen zu wollen, ist müßig. Ich tue es weiterhin, weil es mir die Möglichkeit gibt, ein Jahr zu erinnern, anhand der Dinge, die wirklich zählen, eben weil sie keine Dinge, Momente, Tage oder sonstige Gegenstände sind. Sondern Prozesse, Loops, Echos, Perspektiven und Atmosphären, die nicht stattfinden, wenn Musik nicht stattfindet. Das Jahr ist nicht passiert ohne Musik, und es wird nicht erinnert ohne Musik.

Dies sind die fünf Alben, an denen sich kristallisiert, was ich in Zukunft 2019 nennen werde. Wie kann man das erklären, wer soll das lesen, wo soll das vorkommen? Danke, Spex.

  • Alva Noto + Anne-James Chaton – Alphabet (Noton)

    Meine kognitive und psychologische Fixierung auf die Wahrnehmung von Räumen im Allgemeinen und ihrer Atmosphäre im Speziellen sind wiederkehrende Motive dieser Texte. Es ist also wenig überraschend, dass ich in Musik raumhafte Qualitäten zu erkennen glaube und versuche, sie mit entsprechenden Begriffen und Perspektiven zu beschreiben. Es mögen False Positives sein, oder eine leichte Form pathologischer Synesthäsie. Im Fall dieser ersten gemeinsamen LP von Alva Noto und Anne-James Chaton erscheinen sie mir durchaus geeignet.

    Wie wenige andere Musikerinnen und Musiker ist Alva Noto in der Lage, Qualitäten von Raum-Atmosphären1 in seinen Tracks zu sammeln. Alphabet definiert eine psychologische Architektur mit der klaren Regelmäßigkeit eines Echolots – dass dabei die emotional empfundene Atmosphäre eine zentrale Rolle spielt, ist selbstverständlich (wenn auch für begrenzt empfindsame Hörer nicht immer evident). Alphabet ist eine angenehm temperierte Halle im grauen Vakuum einer imaginären CAD-Software. Anne-James Chaton schreitet diesen gezeichneten Raum beharrlich ab, auf geradezu konzentrische Weise. Eine Platte wie ein forschendes Gedicht, gleichermaßen geschlossen wie offen, white stasis, ein Refugium des späten Jahres 2019.

  • Shed – Oderbruch (Ostgut)

    Am Ende des Jahres bin ich, wo es begonnen hat: In Ruhe im Momentum. Der Thalys jagt über flandrische Felder, Wolken, Horizont. Ich spüre die Last des Jahres hinter mir, den Raum zwischen jedem Gedanken. Shed hat Anteil an Empfindungen wie diesen. Seit Shedding the Past setzen sich seine LPs mit einer spezifisch hochfrequenten Form der Stasis auseinander, in Ruhe, voller Energie. Waren es in den vorigen Alben in erster Linie die emotionalen und architektonischen Konstellationen der Städte, verlegt Oderbruch dieses Arrangement in die in Auflösung begriffene Natur, weist nach draußen, auf die Möglichkeit, inne zu halten. Die Motive sind vertraut: Lere als tragende Form, Rave-Introspektion, die Wiederholung, alles Sein ist eine bewegte, sich ununterbrochen verändernde Realität, Hineinziehen und Entfalten2.

    Ich bin nicht gut darin, Freiräume zu finden und sie zu schützen, in diesem Jahr weniger als in denen zuvor. Oderbruch ist ein Wegweiser, eine Art wie es gelingen kann, von der manischen Kognition, dem Hyperbewusstsein zurückzutreten. Vor einigen Wochen schrieb ich über das Innere, das in der Welt verdampft, ein ruhiger Gedanke, der unmittelbar aus B1 (Anfang und Ende) folgt, einem der Tracks des Jahres 2019. Leere, Ruhe, Momentum.

  • Rainer Veil – Vanity (Modern Love)

    Vanity erschien im Mai dieses Jahres. Mit dem Moment, in die LP auf dem Speicher meines Telefons ankam, schien sie dort bereits lange zuvor vorhanden gewesen zu sein. Es ist faszinierende Universalmusik, die sich trotz ihrer atmosphärischen Varianz in jeden Ort und jede Zeit dieses Jahres einfügte. Auf seiner ersten LP hat das Duo zu einer ruhigen, introspektiven Eigensinnigkeit gefunden. Die architektonischen Referenzen sind nun nuancierter als es noch auf New Brutalism (q.e.d.) der Fall war – das Zerlegen, Evaluieren, Re-Mixen und Re-Konstruieren des eigenen Materials (Third Sync, In Gold Mills) spielt auf Vanity eine große Rolle.

    Es führt Rainer Veil zu neuen Formen der Einheit von Leere und Raum im Sound. Es sind Intervalle, in denen sich empfinden und denken lässt: Etwa in der evokativen Texture von Gauze, einem der größten Hits und am häufigsten gehörten Tracks des Jahres. Oder in Elements – Musik, die Konzentration und Würde an jedem Platz in jedem Raum möglich macht. Konzentrierte, nach Innen gerichtete Musik, eine Art Audio-Eigengrau, not intricate but textural, schrieb ich im Sommer. Ein Album für dieses und die nächsten Jahre.

  • The Aim Of Design is to Define Space – Clean Bible, Dirty Christ EP (Monkeytown)

    Ich/Okay machine/Berlin burnout queen. The Aim of Design is to Define Space verschwinden im Nebel der Volksbühne und sind fortan nicht präsent in den 2010er Jahren, also nicht präsent in der Stadt, die Berlin heißt, es aber nicht mehr ist. Doch die 2010er enden nicht, ohne dass diese Gruppe, die Chronisten der richtigen Dinge, auftritt und das Wichtige sagt, wie gesagt. Letzlich sind es auch auf Clean Bible, Dirty Christ die Schönheit des Vokabulars3 und die Präzision der zusammensortierten Referenzen4, also wesentliche Aim-Sachen, die meine Erinnerung an das Jahr 2019 mit diesem Platte gewordenen Monolog verbinden werden.

    Das ist die richtige Message auf die richtige Weise. Es ist klug und es ist schön und es gibt aufs Maul. Das ist es, glaube ich: da ist zu wenig Auf-die-Fresse-Klugheit. Die Klugen zweifeln, statt auszuteilen, und die hören Nils Frahm und nerven fast so sehr wie die Idioten. Warum kann nicht alles so cool sein, schrieb ich Hannes über diese EP irgendwann kurz vor dem Konzert im SO36, und das ist meine Meinung. Musik über den Schmerz des Verlierers der Jugend, der Stadt, der Welt. Ende des Jahrs, Ende der Dekade, immer noch hier, raus raus.

  • Boy Harsher – Country Girl EP (Ascetic House)

    Schließlich: bei aller Tiefe und Bedeutsamkeit der Musik dieses Jahres, bei aller Komplexität und Raumwahrnehmung, Technohalluzination, Welterfindung, die ganze angriffslustige Freude an Auseinandersetzung – gegen die exzeptionell gut gemachten Wave-Repliken von Boy Harsher war ich machtlos. Meiner Lust an brachial doofer Affirmation habe ich weiterhin wenig entgegen zu setzen.

    Ich habe die Diskographie dieser Gruppe 2019 häufiger gehört als jede andere Musik. Die ausgedachte Düsternis (Yr Body is nothing), die viel zu gut programmierten Quincy-Jones-Basslines (Morphine, vermutlich der beste Popsong, den ich in diesem Jahr gehört habe), die arg übersexte Stimme von Jae Matthews (Westerners), all der Hall auf allem, das ewige cinematische Autogefahre (Run), der schwarze Sonnenschein – es macht schlicht zu großen Spaß. In dieser Hinsicht verhalten sich Boy Harsher zu den tatsächlichen Protagonistinnen und Protagonisten der eurozentrierten Synthwaveszene der frühen 1980er Jahre wie die inzwischen sprichwörtlichen Buzz-Rickson-Repliken zu den echten Fliegerjacken, die in 1950er Jahren in Japan verblieben: Das ist alles viel besser und auch darum kein bisschen so bedeutsam wie die Originale.

    Aber: Ich weiß nicht, wie viele Male ich in diesem Jahr zu dieser Musik Code schrieb, durch die Nacht nach Hause ging, gute Ideen hatte, aufgeben musste. The life needs to be lived, notierte ich im September in München. Das ist nicht leicht zu sehen, zumindest nicht für mich. Boy Harsher versetzen mich in eine Stimmung, in der ich dazu in der Lage bin. Beach Goth for life.

Weiterhin bedeutungsvoll, häufig gehört und hängen geblieben: TR/ST – The Destroyer 1&25, Messer – Anorak 7″, Pessimist – s/t, Wax – 70007, Demdike Stare – Passion, Topdown Dialectic – Vol. 2, Galcher Lustwerk – Information, Belgrad – s/t, Martyn – Odds against us, Hiro Kone – A Fossil begins to Bray, Pom Pom – Untitled (2019)


  1. Halbwegs nach Zumthor: Dimensionen und Materialien, Licht, Luft und Klang. ↩︎

  2. Aus einem Gespräch mit Yagasaki Zentarō, aus der exzellenten Interviewsammlung Die Lehre des Gartens↩︎

  3. Meine Überzeugung, dass es wichtiger ist, wie die Dinge gesagt werden als was gesagt wird, führt nicht selten zu Missverständnissen. Mit Einerseits völlig normal/andererseits a fucking tragedy ist wirklich restlos alles erklärt bevor die Worte überhaupt im Gehirn angekommen sind. Ich verdanke dieser Sprache viel, emotional und für’s große, ganze Weltverstehen. ↩︎

  4. Und – echt – die Melancholie der Standorte↩︎

  5. Music to dance and cry to. Wichtig und schön, aber leider auf Albumlänge nicht auf dem Niveau des ersten Albums↩︎

Der Winter ist zurück, und mit ihm die eisige Luft. In ihr scheint mehr Raum zu sein, neben Molekülen und Edelgasen, Raum für das körperlose Material der Gedanken und Empfindungen, für die innere Welt und das Licht, das durch sie fällt. Scharf und klar scheint sie Auflösung jeder Wahrnehmung zu erhöhen, jede Empfindung schneidender und jeden Gedanken kristalliner zu machen. Luft, die zu diesen Dingen fähig ist, eine der großen Freuden der dunklen Jahreshälfte.

Möglicherweise ist diese Empfindung im Dezember 2019 so präsent, weil sie zusammenfällt mit dem neuen LP-Release von Shed1, Oderbruch, eine Art Heimatalbum. Sein Thema verhandelt es nach Shed-Kriterien: wie immer geht um das Verhältnis von Atmosphäre und Raum, um die strukturelle und formale Untersuchung eines alten Genres2. Folgerichtig ist der Opener B1 (Anfang und Ende) der große Hit der Platte, ein auf das Innere konzentrierter Banger, konstruiert aus der vollständig eigenen Materie des Shed-Universums. Durchaus spürbar fällt der Blick dabei aus der Stadt auf das umgebende Land (Sterbende Alleen).

Das Album steigt wie weißer Dampf in kalte Winterluft – die Form ständig verändernd, warm, gewichtlos und voller Momentum, pure Shedism. Der Aggregatszustand dieser Musik könnte nicht besser zur klaren Winterluftmaterie passen, sie erzeugt ein Gleichgewicht der Konzentration im Dies- und Jenseits der Wahrnehmung. Es ist Musik, die Schönheit im Dualismus des Daseins findet, abgeschlossen und aufgehoben zugleich. Das Innere, das beständig, klar und ruhig in der Welt verdampft. Musik für den Rest des Jahres, und alles was kommt.

(Und weil Shed nur ein Protagonist im Privatuniversum von René Pawlowitz ist, gibt es parallel das siebte WAX-Release. Für die schwere Luft der Nacht. Muss.)


  1. Überhaupt lassen sich die Jahre in solche mit und solche ohne Shed-Alben unterteilen. Die Jahre mit Shed sind die, die mich an den Rand von etwas gebracht haben, in denen etwas wortlos erklärt werden konnte, in denen zusätzlicher Platz zur Verfügung stand. ↩︎

  2. Mir fällt ein, dass die Kraftwerk-Platten meines Vaters, die ich als Kind hörte, jünger waren als es Techno heute ist. Zeit ist anekdotisch. ↩︎

November

Dieses Jahr hat in Los Angeles begonnen, nachdem die ersten beiden Monate in einer Art Druckwelle an mir vorbeigezogen waren, nachdem WAF GMBH ihre Existenz rechtsgültig begonnen hatte. Es war eine Rückkehr an einen Ort, den ich während meiner vorigen Besuche nicht verstand, aber mich stets fasziniert zurückließ. Das fundamentale Versagen dieser Stadt, eine Stadt zu sein1, ihre psychotische Dunkelheit, die Geometrie ihrer Schatten im immerzu perfekten Licht – mein Versuch, eine Perspektive auf Los Angeles zu finden hält an und findet inzwischen in einem Are.na-Channel statt: Parsing L.A..

Seit meiner Rückkehr habe habe ich nicht aufgehört, über diese projizierte Stadt und ihre Orte nachzudenken. Ebenso habe ich nicht aufgehört, Boy Harsher zu hören. Die dunkle Campyness des Projekts aus (enttäuschenderweise) Massachusetts fließt gleichermaßen in den schwarzen Sonnenschein, der so spezifisch für Los Angeles ist. Diese Musik füllt Industriebrachen und flutet die mit 20 Meilen pro Stunde vorbeiziehenden leeren weißen Kuben, die Gebäude sein sollen. Wie so vieles in den Vereinigten Staaten ist sie eine Rekonstruktion europäischer Affekte mit amerikanischen Mitteln. Wie so vieles in Los Angeles speist sich ihre Anziehungskraft aus eben dieser monumentalen Fakeness.

Ich habe die Alben und LPs von Boy Harsher mehr gehört als viele andere Musik in diesem Jahr. Los Angeles blieb und die Stimmung blieb und die Erinnerung an das Licht und die Menschen blieb. Es ist schwer, sich der Sleaziness zu erwehren, dem Eingeständnis einiger Kaputtheit und der Weite und Freiheit, die von dieser Musik ausgeht. Das hat viel mit Jae Matthews‘ Gesang zu tun, geschult an der Attitüde und Anziehungskraft der europäischen Goths (Siouxsie Sioux, Anja Huwe, man muss die richtigen YouTube-Videos kennen).

Motion, Westerners und Morphine (ey, diese Titel) haben mich durch einige Härten halluziniert, als Narrative einer Welt, die es nur ausgedacht gibt, und halt in Los Angeles, wo alles erfunden ist. Es ist großartige Musik, wie L.A. eine großartige Stadt ist, wie es nichts sharperes gibt als eine Truckerjacke aus gewachstem Twill im richtigen Licht.

Boy Harsher wurden zum Kristallisationspunkt meiner Beach Goth-Playlist, vermutlich der reinste Ausdruck meiner Lust an brachial doofer Affirmation, zu der ich in diesem Jahr gefunden habe. Diese Playlist bedeutet mir viel – ebenso wie Los Angeles und meine Perspektiven in der Stadt, denen Boy Harsher Raum und Permanenz in 2019 gegeben haben, auch auf dem kalten Boden der Tatsachen zum Ende der Dekade.

There was a moment among the abstract government buildings. I was very tired, the mournful groove of Boy Harsher oozing from my wireless earpiece, an electric scooter zooming past. I realized where I was, which world, how far I had walked. Let’s save this particular now. (Berlin, September 2019)


  1. Traversing the airspace above L.A. and the valley beyond makes the vastness of this country apparent. It is, fundamentally, still the far west, unclaimed nature, emptied of its original inhabitants, painted with a thin layer of civilisation and semi-permanent architecture. Were the people settling here to leave, it would turn full western-trope ghost town of monumental dimensions. ↩︎

September

Als ich nach Berlin kam, aus dem Durcheinander meines Lebens in das Durcheinander der Stadt, gab es eine Gruppe, die sich ausnahm in ihrer Ehrlichkeit und Schönheit zwischen all dem Schutt, den Optionen, den Drinks, der Sonne über dem Brunnen vor dem Dom und den Hackeschen Höfen, die damals noch ein Ort waren. The Aim of Design is to Define Space spielten Rock der klang wie Rave, und alles sah besser aus als bei den anderen. Sie sagten was ich damals hören musste. Der Moodboardpop des allzu geradeaus betitelten Depeche Mode wird mich immer an den Besarinplatz erinnern, die Türme des Frankfurter Tors, den Blick auf die Volksbühne aus der S75. Und daran, was wichtig ist (Frisuren und Schuhe).

Im vergangenen Jahr spielten Aim ein Konzert am Schlesischen Tor und nun gibt es neue Musik, eine 12″ und wohl ein Album, ein weiteres Konzert (Dialog mit der Jugend, the grown-ups are tired), das Alex und ich besuchen werden.

Es gibt nun eine neue Geschichte über diese Stadt zu erzählen, gleichermaßen dunkel und perfekt ausgeleuchtet: Aim #@%!$, das erste Release seit elf Jahren, nach der Volksbühne. Das ist alles, 5K-Schranz, Wut, Klugheit, Schönheit, die eigene Sprache, die rasierten Seiten, das tätowierte Herz. 1992, 1994, 1997. Teile von uns waren immer hier.

One might say that everything was better back then. The girls were prettier, the parties wilder and the drugs better. Back then, The Aim of Design is to Define Space was the best band, which was more Berlin than Berlin was the Aim of Design is to Define Space.

Am Ende dann Schulzkys Aimriff, das immer sein muss, auch für mich. Good fucking day, ihr Bauern.

Das Atonal fügte sich auf neue Weise in dieses Jahr. Es gab nichts zu feiern, es gab nichts loszulassen. Es gab die Notwendigkeit von Input und Freiheit, die Notwendigkeit der einzigen Form von Spiritualität zu der ich in der Lage bin1. In einem weiteren Jahr stand ich also mit Hannes und David im Exoskelett des Industriezeitalters, wir tranken Wasser mit Wodka darin und sahen unsere Zukunft vor uns ausgebreitet.

Das Lineup 2019 kam uns entgegen. Viele der Projekte operierten hochkonzentriert, das Programm der Hauptbühne ließ sich ohne Pausen verfolgen. Im Ergeschoss wurde weniger instagramtauglich dekoriert und mehr inszeniert; die Disziplin Tanz ist eine ebenso naheliegende wie richtige Ergänzung für diese Veranstaltung.

Wie bereits vor zwei Jahren bemühte ich mich um Notizen, also darum, festzuhalten, was Raum und Sound mit meiner Kognition taten. Es erscheint mir relevant als Ergänzung der reinen Macht des Atonal im Jahr 2019.

In keiner spezifischen Reihenfolge oder Sprache:

Lee Gamble practises mantis origami and everything is liquified, the concrete carpace of Kraftwerk magically transformed. The ghost of raves past infects every bar Gamble is launching into the cavernous hall, all grooves that have been, resurrected to serve grim new purposes. We are witnessing 1994 being smashed and sliced into shards, made new, assembling crystalline parts of a bygone era into constructs resilient enough to withstand the atmospheric pressure of 2019. Viewed from the right angle with the right mind, shapes become recognizable, sticking out for a second before being re-incorporated into a heaving sonic architecture. The hall is drenched in blood red light. Everything stops.

As Allesandro Cordini is playing, a rift appears in the crowd and I am suddenly free: Bodies move, the crowd converges, both on screen and in physical space. Staub löst sich von allem ab, und irgendwann auf jedem, denke ich, und dann: This isn’t beauty, This is the rest of it. „Es bedeutet mir die Welt, das hier, alles, an diesem Ort in dieser Stadt in diesem Jahr“, sage ich zu David.

Mitra render the world in ice at psychotropic resolution. Like shaping a monument from pink noise, some imaginative somatic architecture made from organic matter, perpetually in the process of melting or freezing, ever transitioning. A 5K temple ruin in the shader world. Far away, a small figure is wailing, draped in light, veiled in concrete. A voice endlessly reverberating. The profound, old beauty of her song is almost too much to bear. I wish it would stop and continue for ever. The particle equalizer as an emitter of architecture is followed by the magic of a repectfully receding virtual camera, as distant dwellings slowly fade out of view.

Soft/hard, coexisting like matter and antimatter, creating perfect stasis. Ich bin hier mit niemandem, ein Haus stürzt ein in perfekter Stille, und darum in Zeitlupe. The silence of walking in empty nights. The silence of imagination. The silence after they stop. The silence after pressing play. Der dringende Wunsch dieser Gruppe, hier und jetzt nicht zu existieren, aufzugehen in konzentrierter Musik. Vor vier jahren schrieb ich über Severe: „Kein Zögern, keine Unsicherheit hier. (…) Klar, präzise, mit überaus hoher Dichte.“ (My Disco)

Über die Performance von Objekt und Ezra Miller schließlich kann ich wenig Kluges sagen, die Notizen sind undeutlich, bereits als ich sie schreibe. Dieses Set ist eine Kata aus Licht und Sound, deren Bewegungen mit jeder Wiederholung an Kraft und Nachdruck gewinnen. Dieses Licht: zumeist in der Horizontalen in das Publikum gerichtet, Licht der zweiten Person Plural: Wir sind die Empfänger, wir sind die Leinwand. Schließlich, der Moment dieser beiden Tage: Das Vocal-Sample und dann Love inna Basement, niemand hier kann es fassen, jede Konzentration explodiert. Für zwanzig Minuten ist hier nichts zu denken, reine Körpersache, ansatzlose Ruhe im Pandämonium. Das große Rave-Versprechen ist wahr (es ist nun genug gedacht worden).

Pablo’s Eye present a performance about weather, visuals sublimating, ever-new suns rising and fading away. There is a generality, an all-encompassing perspective to this performance, that transcends the boundaries of even this venue. „He wondered what new weather she had divined/It was night and the city orange“.


  1. In dieser Hinsicht sind die Nächte im Kraftwerk vergleichbar mit den Tagen in japanischen Gärten: eine Bank, ein Teehaus, eine Kathedrale und die Unfassbarkeit der geformten Umgebung. ↩︎

August

(Dieses Jahr verschiebt die Dinge, mit großer Ruhe, mit Nachdruck. Es ist keine Zeit der Krisen, es ist eine Zeit des Verstehens und des Handelns, des Freisetzens. 2019, Raum und Zeit.)

Vanity, das neue Release von Rainer Veil bei Modern Love ist eine stille Rückkehr. Sie folgt auf New Brutalism aus dem Jahr 2014. Nun zum ersten Mal auf Albumlänge ausgedehnt, wirkt der Ansatz des Duos aus Manchester in keiner Weise wie ein Debut – zu klar gebaut, zu fertig ausgeformt erschienen die bisherigen Veröffentlichungen. Das setzt sich in diesem Jahr fort: so vielschichtig der Sound auf Vanity ist, so kohärent und freigelegt sind die Bedingungen seiner Konstruktion: orthogonale Flächen leiten den Blick zu immer neuen Ansichten des Sounds. Jeder Track ist ein Perspektivwechsel, ein neuer Aufriss des gleichen Gebäudes.

Der architektonische Sound von Rainer Veil gewinnt an Tiefe und Abwechslung, zusammengehalten durch eine einheitliche Stimmung und ein ruhigen, beständigen Drive. Es ist die Schönheit des Vakuums in Gauze, das die geräuschvolle Stille beim Wenden der Platte zum Teil des Übergangs zu Third Sync macht. Den Leerstellen gegenüber steht die fortwährende Meditation über den fernen Geist von Jungle und UK Hardcore schwebt über dieser Platte.

Vanity legt sich über den Raum, in dem mein Schreibtisch steht. Sie füllt die Nacht mit einem schweren Grau. Es ist nicht das Grau des Covers1, sondern ein dunkles, warmes, komfortables Grau. Eine Art Audio-Eigengrau, not intricate but textural.

  • Rainer Veil – Vanity, 2×LP. Modern Love, 2019.

  1. Das übrigens in einer seltenen Verbindung aus Illustration und Argrarwirtschaft recht erfolgreich die Ruhe des Albums vermittelt. ↩︎

Juli

Rockmusik hat gemeinhin wenige Antworten auf meine Fragen dieser Jahre, unsinnig ist die Aufrichtigkeit und die unbeholfene Suche nach Ausdruck und Wahrheit hier und jetzt. Aber einmal in zwei Jahren scheint Raum für das Widersetzen, für den schönen Trotz und die Anmaßung zu sein, der Welt auf Augenhöhe entgegen zu treten. 2017 haben Belgrad ihr selbstbetiteltes erstes Album veröffentlicht, und es hat diese Zeit gebraucht, um zu mir zu finden1.

Belgrad ist eine schwarze Platte und eine schwarze Gruppe. Ein großes Gewicht zieht diese Musik nach unten, der Sog ist in jeder Minute spürbar. Nichts hier ist ironisch – acht Songs Schichtarbeit: Es ist das düstere Momentum schwerer Popmusik, das Wühlen im Selbst (ich muss an den Klappentext eines der blauen Bücher von Rainald Goetz denken, Wütend schritt ich voran). Musik für einen grimmigen, klaren Gemütszustand nicht ohne Schmerzen, aber ohne Kälte. Ich habe das schon einmal besser über ganz ähnliche Musik gesagt: Regen und Füße auf Asphalt, die Fundamente aller Dinge.

So wenig innovativ Belgrad ist, so klar seine Referenzen sind – so sorgsam ist alles zusammengesetzt, so taktil und freigelegt und ohne Affekt ist jedes Gefühl. Es ist zu spüren im Rauschen zu Beginn von Niemand, im öligen Groove von Eisengesicht und im Sustain und Release des monumentalen Ravetracks namens Westen: Nichts Aufrichtiges ist peinlich, nichts Furchtloses ist vergebens.

Beyond the train station, I look up. The grey sky refuses to let me feel anything.

  • Belgrad – s/t, LP. Zeitstrafe, 2017.

  1. Belgrad werden gerade Sarah’s Nachbarn, es ließ sich nicht vermeiden. ↩︎

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